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Mönchengladbach
27 Schicksale in der ehemaligen DDR

Mönchengladbach. Es sind sehr persönliche Geschichten, die Sabine Schwiers sich angehört hat. Die Autorin hat sie aufgeschrieben - die Erlebnisse, die das Leben der ehemaligen DDR-Bürger bis heute bestimmen. Sie sind im Kühlen-Verlag erschienen. Von Inge Schnettler

Sabine Schwiers hat es wieder getan. Sie hat Zeitzeugen befragt. Diesmal Menschen, die in der ehemaligen DDR lebten, die versucht haben, das ungeliebte Land zu verlassen, mit oder ohne Erfolg, die den Repressalien durch den Staat ausgesetzt waren, als Staatsfeinde behandelt und bespitzelt wurden. Die Autorin hat sich Geschichten von 27 Menschen angehört und aufgeschrieben, ihre ganz persönlichen Schicksale in einem Buch versammelt, das der Kühlen-Verlag nun herausgegeben hat. Vor zwei Jahren hatte Geschäftsführer Norbert Neuenhofer das erste Buch von Sabine Schwiers, das die Erinnerungen von Mönchengladbachern an die Gräuel des Nazi-Regimes versammelte, verlegt. "Gedankensteine" hieß es. Analog dazu heißt der neue Band "Gedankensteine II".

Viele Stunden hat Sabine Schwiers zugehört, hat Manuskripte gelesen und historisches Material und Fotos gesichtet. Anderthalb Jahre hat sie dafür gebraucht. Eine intensive Zeit. "Es gefällt mir sehr, den Menschen zuzuhören, da vermischen sich die persönlichen Geschichten mit der Geschichte", sagt die Autorin, die mit Mann und drei Kindern in Gerkerath wohnt. Manche Schilderungen gingen ihr sehr unter die Haut, verfolgten sie auch in den Nächten. "Die Menschen schenken mir ihr Vertrauen und lassen mich tief in ihre Seelen schauen."

Bei fast allen Geschichten, die Sabine Schwiers hört, spielen Zufälle und Menschen eine entscheidende Rolle. Etwa der Bericht von dem Flüchtling, der die Donau durchschwamm, dann aber nicht - wie geplant - in Jugoslawien an Land ging, sondern auf einer Insel, die zu Rumänien gehörte. Über Umwege und durch die Vermittlung anderer kam er doch noch frei. Es gab Familien, die von politischen Einstellungen zerrissen wurden, Verwandte bespitzelten sich gegenseitig, und Freunde wurden zu Feinden.

Was Sabine Schwiers vorher nicht ahnen konnte: Angst und Misstrauen bestimmen das Leben ehemaliger DDR-Bürger bis heute. "Mir hat mancher Gesprächspartner gesagt, dass Verwandte, die in Ostdeutschland leben, sie gewarnt hätten, zu viel zu erzählen oder zu verraten", sagt die Autorin. Das hat sie sehr betroffen gemacht.

Wie schon im ersten Band hat Sabine Schwiers die Geschichten ihrer Gesprächspartner thematisch sortiert: Erziehung, Freizeit und Feste, Reisen, Religion, Staat und Stasi, Mauerbau und Mauerfall. Das letzte Kapitel des 480 Seiten starken, reich bebilderten Bandes heißt "Ossis - Wessis". In diesem hat die Autorin Einschätzungen ihrer Gesprächspartner gesammelt. Katrin Venz-Hänig etwa schreibt: "Klar bin ich froh, dass die Mauer weg ist, aber es gibt immer noch diese Brandmarkung." Oder Barbara Förster: "Viele Wessis haben die Ossis gar nicht verstanden. 40 Jahre prägen die Menschen ja auch. Von den Ostdeutschen sagte man oft: Die kommen jetzt rüber und bekommen einfach alles so, Rente und andere Unterstützungen." Gerd Gröne-Gormanns, dessen Familie zeitweise in der DDR lebte, schreibt: "Die meisten Menschen sind feige. Sie waren es im Dritten Reich, die waren es in der DDR, und sie sind es heute noch."

Quelle: RP
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