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Mönchengladbach
Alle lieben Barbie

Mönchengladbach. Martin Schulze inszeniert Shakespeares "Was ihr wollt" im Puppenhaus von Ulrich Leitner. Das Premierenpublikum hatte großen Spaß. Von Armin Kaumanns

Illyrien ist ein Tollhaus. Und was für eins. Wie in einem Setzkasten oder einem dreigeschossigen Puppenstübchen hat es sich die Bevölkerung der sagenhaften Shakespeare'schen Insel unterm schicken Penthouse ihres Fürsten, des Herzog Orsino, gemütlich gemacht. Im ersten Obergeschoss links gammelt und grummelt der immerzu Cognacglas-schwenkende Sir Toby zwischen abgerissenen himmelblauen Tapeten herum, rechts hat sich Zofe Maria so etwas wie einen weiß gekachelten Friseursalon eingerichtet. Haushofmeister Malvolio liebt es karg: Er kann in seinem Stübchen kaum aufrecht stehen. Unten im Parterre gefällt sich Gräfin Olivia in samtrot ausgeschlagenen Gemächern in ihrer Trauer und räkelt sich auf den brokatenen Fauteuils. Und so fort. Sir Andrew logiert - mit Pappschwert und Mopedhelm - neben dem Fürsten unterm Dach, des Narren Heim ist mit einer Mülltonne reichlich möbliert. Kein Wunder also, dass nach dem Auftauchen der gestrandeten Viola die Ordnung Illyriens gehörig ins Wanken gerät.

Der Kölner Regisseur Martin Schulze inszeniert zum ersten Mal am Niederrhein. Sein "Was ihr wollt" ist bravourös. Jedenfalls entzünden die Pointen der frech und virtuos wortwitzverliebten Übersetzung von Frank-Patrick Steckel ein regelrechtes Feuerwerk der guten Laune im Premierenpublikum. Und das trotz der zwar grandiosen, aber akustisch unglücklichen Bühne von Ulrich Leitner. Orsino Adrian Linke etwa ist von seinem Appartement unterm Schnürboden kaum mehr als bellend wahrzunehmen. Und wer im Ensemble nicht über eine exzellente Sprechstimme wie Paul Steinbach (Sir Toby) gebietet, hat große Mühe, im Wort- und Witz-Detail verständlich zu bleiben.

Gleichwohl hat Schulze seine Truppe zu einer rundum gelungenen Leistung zusammengeschweißt. Da hält uns der als wandelnde Kleiderkammer ausgestattete Narr mit weisen Sentenzen den Spiegel vor, und Joachim Henschke schlufft diese gar traurige Gestalt mit einer Nonchalance, dass einem heiß und kalt wird ums Herz. Daniel Minetti ist noch einmal als tragisch-komischer Malvolio zu erleben, wie er in kreuzweise gebundenen gelben Strumpfhosen den Liebesaffen aus sich macht und dazu mitten ins Publikum vordringt. Adrian Linke ist als Orsino in eine Rockstar-Paradeuniform gesteckt, mit blonder Perücke aufgehübscht und immerzu melancholisch. Immer noch köstlichere Szenen gelingen dem Buffo-Trio um den verlotterten Toby (Paul Steinbach) in Unterhosen, Andrew (Ronny Tomiska) im grünen Rauten-Pullunder und der schon fast anstößig koketten Maria, der Esther Keil mit Servier-Schürzchen genüsslich die Beine rasiert.

Epizentrum des zunehmenden Durcheinanders aber ist Olivia, die aus koketter Trauer zur Nymphomanin Erweckte. Henrike Hahn gibt ihr das Äußere einer Barbie-Puppe, räkelt überlange Beine, wechselt Klamotten und Perücken, nur um den jungen Cesario zu bezirzen, hinter dem ja die verkleidete Viola steckt, die in Orsino vernarrt ist. Nele Jung stemmt diese Hosenrolle naiv, frech und stark. Und bevor ihr Zwilling Sebastian (Cornelius Gebert), dem der schwule Antonio (Christopher Wintgens) nachstellt, die allgemeine Verwirrung zum Höhepunkt bringt - und schließlich in Wohlgefallen auflöst, ist es an ihr, die Fallhöhe der Komödie aufs Äußerste zu spannen.

Das Schauspielensemble zeigt sich in "Was ihr wollt" als bestens eingespieltes Team zum Spielzeitstart. Die Inszenierung steigert mit einem beeindruckend multifunktionalen Bühnenbild das Vergnügen, die ungemein kreative Musik von Dirk Raulf wäre einer ausführlicheren Würdigung wert. Anhaltender Applaus.

Quelle: RP
 
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