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Mönchengladbach
Angekommen im eigenen Körper

Mönchengladbach. "Kleider machen Leute" ist ein Tanz-Theater-Stück des Jugendclubs im Theater, das sich in die schillernde Welt der Mode begibt. Die jungen Leute spielen und tanzen großartig, das Stück ist furchtbar. Von Armin Kaumanns

Mit Silvia Behnke, die vor einigen Jahren vom aktiven Tanzen im Ballettensemble zur pädagogischen Seite des Theaters wechselte, hat der Jugendclub einen immensen kreativen Schub erhalten. Gemeinsam mit ihrem Partner Jorge Escobar, der lange Zeit als Solist auf der Gladbacher Opernbühne stand, schafft sie es Jahr um Jahr, eine Gruppe von theaterverrückten Teenagern zu fesseln, zu fordern und zu schier unglaublichen Leistungen zu motivieren. Die aktuelle Gruppe umfasst 16 junge Menschen, die jeden Samstag viele Stunden trainiert haben, zuletzt Feiertage und besonders intensive letzte Wochen ihrem Hobby gewidmet haben, damit "Kleider machen Leute" so perfekt und streckenweise mitreißend über die Studiobühne gehen konnte wie bei der Premiere am Samstagabend. Dass das Stück selbst mit Theater-untauglichen Texten überfrachtet und mit dreieinhalb Stunden vor allem viel, viel zu lang ist, steht auf einem anderen Blatt.

Im Grunde muss man ein Faible für die Jugend haben, genauer: für die Fähigkeiten, die in jungen Leuten entdeckt und zum Blühen gebracht werden können, will man diesen Abend mit Genuss durchstehen. Und da ist schier Unglaubliches geschehen. Natürlich scharen sich alljährlich vor allem Tanz-affine Jugendliche um die offenbar begnadete Pädagogin Behnke, aber auch solche, die vor allem schauspielern wollen. Allen gemein ist, dass sie nach eigenem Ausdruck suchen und das heißt im Grunde: nach sich selbst. Wenn man nun diesen Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein dabei zusieht, wie sie sich vor Publikum präsentieren, dann ist in jedem einzelnen Fall ganz viel geschehen. Gemeinsam jedoch ist die Tatsache, dass ohne Ausnahme jeder und jede in der Gruppe offenbar im je eigenen Körper angekommen ist. Silvia Behnke hat Posen und Plattitüden weitgehend ausgetrieben, jedem Solisten, aber auch den untergeordneten Partien Standing und Profil verliehen. Das ist ganz große Kunst. Dass sie dabei ihr Team zu eiserner Selbst-Disziplin erzogen hat, kommt hinzu. Denn ohne harte, regelmäßige Arbeit sind diese immensen, teils völlig verkopften Textpassagen nicht zu lernen, ohne harten Drill die teils komplexen Choreografien nicht auf einen solchen Perfektionsgrad zu bringen.

Silvia Behnke hat alles gewollt. Sie führt die Solisten zu enormen tänzerischen Leistungen, die vor allem eins haben: Ausdruck; sie choreografiert teils mitreißende Ensembles, zu Herzen gehende Pas des deux; sie wählt wunderbare Musik, setzt Kontraste und entwirft Zusammenhänge. Sie spielt verschwenderisch mit dem Zauber der Bühne: Kulissen, Kostüme, Licht, Videoprojektion, Ton - alles ist dabei. Und Vieles den nicht enden wollenden Premieren-Applaus wert.

Das Stück allerdings, bei dem es um Mode, die Welt des äußeren Scheins und das Wahre, Innere geht, ist reichlich unerträglich. Jorge Escobar hat sich quer durch die Weltliteratur gelesen, Interviews mit Modezaren studiert und nicht enden wollende Dialoge geschrieben, die die Jugendlichen erstaunlich gekonnt rezitieren. Aber selten kommen stimmungsvolle Szenen zustande, im Grunde hätte mindestens das halbe Stück schadlos gestrichen werden können. Als nach über drei Stunden auch noch zwei Waschmaschinen zehn Minuten lang philosophieren, werden selbst Mütter und Geschwister im Publikum unruhig. Schade eigentlich. Denn die jungen Leute spielen und tanzen, als gehe es ums Leben.

Dreieinhalb Stunden, eine Pause; Vorstellungen: 21., 22., 24., 26., 28. Juni; Karten: 02166 6151100, www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
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