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Von Den Strömen Der Stadt (8)
Arne Schmitt: Schwarz. Weiß. Still.

Mönchengladbach. Sie wirken unspektakulär. Dennoch haben die 36 Fotos im Museum Abteiberg eine eigene Ästhetik. Und sie machen neugierig. Von Inge Schnettler

In Bonn ist die Welt noch in Ordnung. Halbwegs zumindest - findet der Künstler Arne Schmitt. Deshalb ist er von Köln, wo er wohnt, in die ehemalige Bundeshauptstadt gefahren, um dort zu fotografieren. 36 schwarz-weiße Ansichten von Hausfassaden, Eingängen, Fenstern, Balkonen, Straßen hängen im Museum Abteiberg. Die Fotowand ist womöglich die stillste Arbeit der Ausstellung "Von den Strömen der Stadt". Still, schwarz, weiß. Und in spannender Korrespondenz zu Joseph Beuys' Armenhaustür gleich daneben.

Haustüren sind wie ein Händedruck: Man weiß bei der ersten Begegnung, mit wem man es zu tun hat und was einen erwartet: Das hat der bayrische Fernsehjournalist Dieter Wieland formuliert, und Arne Schmitt hat den Text auf den Boden des Museums gelettert. Und etwas hinzugefügt. Diese Aussage beinhaltet zwei Annahmen: 1. Die Tür verrät etwas über das gesamte Haus. 2. Dieses Etwas ist eine Art Charakter des Hauses. Dem geht jedoch eine dritte, entscheidende Annahme voraus: nämlich, dass der Händedruck eines Menschen etwas über seinen Charakter verrät.

Drei Texte findet der Betrachter auf dem Marmorboden vor der Fotowand. Alle haben mit dem Wesen von Architektur zu tun. Im längsten Text hat Arne Schmitt eine Auswahl architekturkritischen Vokabulars zusammengestellt: Chaotisch, beziehungslos, heiter, freundlich, offen, authentisch, original, unverdorben, lebendig, fantasievoll, verspielt, willkürlich, eigensinnig, rücksichtslos - um nur einige aus der langen Liste zu nennen. All diese Begriffe beschreiben sowohl die Eigenschaften des Menschen wie der Architektur - ihr Aussehen, ihr Wesen, ihren Charakter.

Arne Schmitt, geboren 1984 in Mayen, bildet Architektur nicht nur ab, er fühlt sich in sie hinein. Er tritt mit Fassaden, Fenstern, Türen in einen Dialog und lässt die Menschen, die sich auf seine Fotografien einlassen, miterleben. In vier Reihen hängen jeweils neun gleichformatige Fotos im Wechselrahmen an der weißen Wand. Das ist unspektakulär - soll es auch sein. Denn es geht nicht um den großen Auftritt, sondern um die Eindringlichkeit jeder einzelnen Fotografie und in ihrer Gesamtheit.

Der Künstler Arne Schmitt stand während der Ausstellungseröffnung bereitwillig für Gespräche zur Verfügung. Und siehe da, nicht nur seine Kunst ist zurückhaltend, er ist es auch. Mit leiser Stimme und sparsamer Gestik spricht er über seine Arbeit, teilt seine Gedanken mit, erwartet offensichtlich keine Ovationen - ist einfach da.

So wie seine Architektur-Annäherungen. Die sind äußerst behutsam, der Fotograf drängt sich ihnen nicht auf, er lässt Fassaden und immer wieder Eingänge unterschiedlichster Art für sich erzählen. Und so, wie es ausgesprochen spannend ist, in der Dunkelheit durch die Straßen zu gehen und in erleuchtete Räume zu schauen, so machen auch diese Fotos neugierig auf das Dahinter. Was verbergen die Fassaden? Was geschieht hinter ihnen? Wird gelacht, geweint, gehasst, geliebt? Sicher von allem etwas.

Quelle: RP
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