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Mönchengladbach
Claudio Ghin - kein schlechter Mensch

Mönchengladbach. Seine erste Autorenlesung in Mönchengladbach findet bei der "Feinen Hofgesellschaft" statt. Man sollte Claudio Ghin gut zuhören. Von Inge Schnettler

Die Geschichten, die er in seiner frühen Jugend aufgeschrieben hat, waren in gewisser Weise kleine Fluchten. Er dachte sich heraus aus dem "unscheinbarsten Dörfchen", das das Sauerland zu bieten hatte - Madfeld - wo die Bürger in Böhse-Onkelz-Shirts rumhingen, wo die Pizzeria das kulturelle und soziale Zentrum war und ihm die 41 Kilometer entfernte Stadt Paderborn wie eine Metropole erschien. So erklärt Claudio Ghin seine Anfänge als Poet. Seine Texte, vielfach in Ich-Form geschrieben, veröffentlichte er auf diversen Online-Plattformen. Die Kommentare waren niederschmetternd. Anfangs zumindest. "Einmal hat einer geschrieben: Du passt hier einfach nicht drauf, du Lappen", sagt Ghin. Ein anderer bezeichnete ihn als "Til Schweiger des geschriebenen Wortes". Natürlich habe das sein Selbstwertgefühl erschüttert. Später wurde es besser. "Die Leute hörten auf, meine Texte zu beleidigen."

Er kam tatsächlich in die Weltstadt Paderborn. Zum Studium. Germanistik war sein Hauptfach. Zum Glück. Da hatte er ein Seminar bei dem Paderborner Verleger Karsten Strack. Der brachte ihm viel bei, und dann durfte Claudio Ghin in Stracks Textagentur ein Praktikum machen. Strack brachte ihn auch im Poetry-Slam unter, und schließlich erbat er sich ein Buch von dem jungen Mann, der so gut mit der Sprache umzugehen vermochte. Das Buch heißt "Auf einem Auge Herbst", es enthält 24 Erzählungen und ist jetzt erschienen - im Lektore-Verlag von Karsten Strack. Daraus wird Claudio Ghin vorlesen - am kommenden Samstag, 26. März, um 19.30 Uhr bei der "Feinen Hofgesellschaft" im Atelier von Myriam Topel an der Goethestraße 14-16. Hingehen, lautet die Empfehlung.

Denn da wird es wunderbare Geschichten zu hören geben. Wie die von dem jungen Mann, der im Linienbus ein traumhaft schönes Mädchen sieht, sich aber nicht traut, Kontakt aufzunehmen. Er möchte ihr signalisieren: "Guck guck, ich bin der verwirrte Typ aus der Reihe hinter dir." An anderer Stelle sagt der Ich-Erzähler allerdings auch von sich selbst: "Ich bin kein schlechter Mensch." (Ist er übrigens wirklich nicht. Er ist supernett.) Als das schöne Mädchen aussteigt, kritzelt er gerade noch das Wort "Bullshit" auf einen Zettel und steckt ihn in ihren Rücksack. Die Episode findet im Buch in zwei weiteren Erzählungen eine Fortsetzung.

Die Geschichte von der Zigarette, die sich in Helmut Schmidt verwandelt und um Feuer bittet, enthält Sätze wie diesen: "Ich bin Helmut", sagte die Zigarette und strich sich die Asche zu einem Scheitel glatt. Auch Philosophisches taucht auf: "So ist das mit den Helden, den Freunden, den Dingen, die einem wirklich wichtig sind. Mit einem selbst. Man muss dafür aufstehen. Mindestens einmal öfter als man fällt. Bis ins Ziel laufen. Und wenn es sein muss: immer wieder."

Seit Oktober 2013 arbeitet Claudio Ghin als Werbetexter in der Agentur WFP im Nordpark. Am Samstag liest er zum ersten Mal in Mönchengladbach. Er freut sich darauf. Reden liegt ihm - wie schreiben. Einen Eintritt muss der Gast übrigens nicht zahlen, "nur reichlich Bier und Bücher kaufen."

Quelle: RP
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