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Mönchengladbach
Das erzählte Großvater Albert vom Krieg

Mönchengladbach. Auf der Suche nach einem Thema für seine Bachelor-Arbeit entschied sich Sebastian Jung, die Erzählungen seines Opas aufzuschreiben und zu illustrieren. Das Buch erhielt einen Preis und wurde jetzt vom Mairisch-Verlag veröffentlicht. Von Inge Schnettler

Es wurde viel geschwiegen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Erinnerungen schmerzten zu sehr, sie zu verdrängen schien erträglicher. Albert Jung wollte sprechen, er wollte von seinen schrecklichen Erlebnissen berichten. Gerade 18 Jahre alt, wurde er im Oktober 1939 eingezogen. Was in den darauf folgenden Jahren geschah, erzählte er seinem Sohn Eberhard. Und der gab die Geschichten von Albert weiter an seinen Sohn Sebastian. Der hat um sie herum und mit ihnen ein Buch geschrieben und gestaltet. Das wurde soeben vom Hamburger Mairisch-Verlag herausgegeben. Es ist ein außergewöhnlich schöner Band, gestaltet mit Mitteln der Graphic Novel, sieht aus wie ein handgeschriebenes und illustriertes Notizbuch - und ist nicht nur optisch, sondern auch haptisch ein Genuss. Ein Geschenk.

Im November 2013 ist Sebastian Jung mit seinem Vater nach Daaden gefahren. In dem kleinen Dorf im Westwald wurde sein Großvater Albert 1922 geboren. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 2006. "Ich kam an den Ort zurück, den ich als Kind kennenlernte", sagt Jung. "Meinem Vater kamen die Tränen, als wir am Grab seines Vaters standen." An diesem Tag begann Eberhard Jung zu berichten - Geschichten aus dem Leben Alberts. Von Alberts Geburt und dem Tod der Mutter drei Tage später, den Misshandlungen durch seinen Lehrer in der Daadener Volksschule, der glücklichen Zeit als Jung-Knecht auf einem Bauernhof im Sauerland. Und dann vom Krieg.

Sebastian Jung, 1986 in Rheydt geboren, wollte 2014 sein Studium im Fach Kommunikationsdesign mit einer Bachelor-Arbeit beenden. Auf der Suche nach einem geeigneten Thema entschied er sich, die Geschichten seines Großvaters zu veröffentlichen. Er drängte seinen Vater, die Erinnerungen aufzuschreiben und die alten Fotos, die im Keller schlummerten, zu sichten. Und dann übertrug Sebastian Jung die Erzählungen handschriftlich - mit Feder und Tinte - auf Papier. Die alten Schwarz-Weiß-Fotos seines Großvaters bebildern die Texte, Jung selbst hat wunderschöne Illustrationen hinzugefügt.

Beeindruckend etwa die Zeichnung, die Albert mit Stahlhelm zeigt. Dieser wird von einer Kugel durchschlagen, die eine Partisanin abgeschossen hat. Albert Jung hatte Glück, die Kugel streifte seinen Kopf und trat auf der anderen Seite des Helms wieder aus. "Ich habe mich immer gefragt, was das für ein merkwürdiger Strich auf Opas Kopf ist", sagt Sebastian Jung. Später hat er es erfahren.

Albert Jung wird in Siegen zum Soldaten ausgebildet und der berittenen Wehrmacht zugeteilt. Zunächst ist er in Norwegen stationiert, dann muss er nach Russland. Da ist er 19 Jahre alt. Nach einem Beindurchschuss darf er seinen Heimurlaub antreten. Er lernt Luise kennen und lieben - und muss zurück an die Front. Im nächsten Heimurlaub - nach dem Kopfschuss - heiraten Albert und Luise. Danach sehen sie sich viele Jahre nicht wieder. Albert gerät in russische Gefangenschaft. Er leidet Hunger, wird geschlagen. Später sagte er: "Wir hatten ihnen Schreckliches angetan, warum sollten sie freundlich zu uns sein?" Erst am 23. Mai 1949 kehrt er zurück - in sein Dorf, zu seiner Frau, ins Leben.

Sebastian Jungs als Bachelor-Arbeit entstandenes Buch "Albert" wurde in diesem Jahr mit dem Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis AFKAT ausgezeichnet. Daraufhin verlegte es der Mairisch-Verlag. Jetzt hat der Grafik-Designer sein Studium mit dem Master abgeschlossen - und sucht nach neuen Herausforderungen.

Das Buch: Sebastian Jung, Albert,Mairisch-Verlag, ISBN 978-3-938539-42-2; 15 Euro; das Buch kann über www.mairisch.de/shop bestellt werden; Kontakt zu Sebastian Jung über info@eberhardssohn.de

Quelle: RP
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