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Mönchengladbach
Dem Phantom auf der Spur

Mönchengladbach. Ein Baby wird in der Burger-King-Filiale ausgesetzt. Das war diese Roma-Frau - ist doch klar. Die Schauspieler versetzen sich in "Phantom (Ein Spiel)" in die Rolle der herzlosen Mutter. Und finden Unerwartetes. Von Inge Schnettler

Es wird ganz schön heftig geklappert. An unvermutet vielen Stellen öffnet sich der schwarze Bühnenboden, und entlässt fünf Schauspieler aus dem dunklen Verlies darunter. Klappe auf. Klappe zu, mal hier mal da. Das erinnert an das Scheppern der Tabletts, wenn sie in der Burger-King-Filiale kurz vor Ladenschluss in aller Eile abgewischt und gestapelt werden. Und genau in so einem Schnellrestaurant beginnt das Spiel. Deshalb ist das Klappern nötig - und passt. Mitten im geschäftigen Tun finden die Angestellten ein Baby. Sofort ist klar: Das Kind kann nur von der Roma-Frau zurückgelassen worden sein, die sich kurz zuvor noch dort aufgehalten hatte. Doch wer ist diese Frau? Sie ist Kroatin. Oder Rumänin. Oder Bulgarin. Ganz egal, aus dem Osten halt. Sie ist die Ausgebeutete, das Opfer, die Schmarotzerin, die Tapfere, die Heldin. Sie ist ... ein Phantom. Die drei Damen vom Burger-Laden versuchen jede für sich, die Geschichte dieser Unbekannten, die sie Blanca nennen, zu rekonstruieren. Und je näher sie ihr kommen, desto mehr beginnen sie zu verstehen. Eine nach der anderen schlüpfen in Blancas Rolle.

Die junge Frau kommt nach Deutschland. Steht völlig alleine da, kennt sich nicht aus, ist verunsichert, weiß nicht, wohin. Denn der Verwandte, der ihr einen Job versprochen und dafür Geld von ihren Eltern bekommen hat, wartet nicht am verabredeten Ort. Zwielichtige, schmierige, respektlose deutsche Männer, die mit Jägerhut und Geweih auf dem Kopf oder als güldene Zwerge daherkommen, geben ihr Überlebens-Tipps. Sie wissen, an welchen Stellen das Betteln am meisten bringt, sie versuchen, sie zur Prostitution zu überreden - am Ende übernimmt Blanca einen Job als Putzfrau bei einer Hochschwangeren, die von ihrem fiesen Mann drangsaliert wird, die es aber auch nicht für nötig hält, selbst für Ordnung im Haushalt zu sorgen, geschweige denn, arbeiten zu gehen. Die einzige Korrekte ist Blanca.

Die ihrerseits einen riesigen Druck aushalten muss. Von ihrem kargen Lohn schickt sie regelmäßig einen Teil an die Familie in der Heimat. Die Eltern fordern mehr, sie wollen, dass Blanca nach und nach die Familie zu sich nach Deutschland holt. Um Mutter und Vater nicht zu beunruhigen, berichtet sie am Telefon von ihrem glücklichen Leben. Dann bricht es aus ihr hinaus. "Ich will nach Hause, ich will einfach nur nach Hause", schreit Denise Matthey als Blanca. Das ist herzzerreißend. Kaum auszuhalten.

Der erst 29 Jahre alte Regisseur Sascha Mey hat das Stück "Phantom (Ein Spiel)" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz auf die Studiobühne gebracht. Er verlangt den Schauspielern eine Menge ab. Und die verlangen dem Publikum eine Menge ab. Keier wird unberührt das Theater verlassen. Und möglicherweise ändern sich Einstellungen.

Nächste Vorstellung: Freitag, 2. Dezember, 20 Uhr. Tickets unter 02166 6151-100 und online auf www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
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