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Mönchengladbach
Der Mann mit den vielen Gesichtern

Mönchengladbach. André Nicolay ist Grafiker und Modellbauer. In seinem Ladenlokal an der Eickener Straße 39 entstehen Köpfe, Masken und lebensgroße Figuren. Er arbeitet für Privatleute, fürs Theater und den Film. Derzeit ist Darth Vader in der Mache. Von Inge Schnettler

Wenn André Nicolay an den Arbeitstisch stößt, beginnen die Finger des abgerissenen Armes zu zappeln. Das ist gruselig, aber auch saukomisch. Der Modellbauer hat lauter skurriles Zeug in seiner Werkstatt und im Ladenlokal, an dessen Schaufensterscheibe manche Nase platt gedrückt wird. Da gibt es seltsame Köpfe und Masken, wie die von Darth Vader, an der noch gearbeitet wird. Da wächst in Lebensgröße Agent Smith aus "Matrix" aus einem Sockel - auch noch nicht ganz fertig. Und da liegen und hängen feinste Zeichnungen - total reale Porträts, der Mönchengladbacher Wasserturm, aber auch völlig überzogene Karikaturen. Zum Schießen komisch. André Nicolay ist ein Selfmademan, einer der aus seinem künstlerischen Talent ganz viel macht. Werkstatt und Laden hat er an der Eickener Straße 39. Der Name: Kunststück.

Wer braucht so was? Wer kauft so was? "Es gibt genügend Menschen, die sich gern verkleiden - etwa zu Karneval oder Halloween", sagt André Nicolay. Aber auch schon fürs Theater und für den Film hat er Modelle hergestellt. Lebensecht oder totenecht, je nachdem. Fans der Szene, die sich auf der Comic-Con oder artverwandten Veranstaltungen wohlfühlen, tun dies gern in originalgetreuer Maske. Sie geben sich in Nicolays Hände und lassen geduldig das zeitraubende Verfahren über sich ergehen. Kopf und Hals werden abgegossen, dann wird die Form mit Gips gefüllt, es entsteht das lebensechte Abbild des Auftraggebers. Aus Silikon entsteht die Maske, die bis zu drei Kilogramm wiegen kann und bis zu 3000 Euro kostet. Das Material ist teuer, unzählige Arbeitstunden vergehen, bis das Werk fertig ist. "Ich selbst könnte so eine Maske nicht eine Minute tragen", sagt der Modellbauer. Und auf der Comic-Con ist er auch noch nie gewesen. Will er auch nicht hin.

André Nicolay ist bei seinen Großeltern in Köln aufgewachsen. Die Oma erkannte schon früh seine künstlerische Begabung. "Als ich zwölf war, hat sie mir einen Kursus geschenkt", sagt Nicolay. "Da saß ich unter lauter Erwachsenen und malte chinesische Zeichen mit schwarzer Tusche." Ende der 1980er Jahre machte er eine Friseurlehre. "Das war damals die Voraussetzung, um Maskenbildner zu werden." Wurde er aber dann doch nicht. Er heiratete früh, wurde Vater und lernte einen "anständigen Beruf". André Nicolay wurde Chemiefacharbeiter. Bis er erkannte, dass er an seinem wahren Leben vorbeilebte. Er machte seine Leidenschaft zum Beruf - und verdient seitdem damit sein Geld.

Bevor er eine Maske anfertigt, lädt er den Auftraggeber zu einem intensiven Vorgespräch ein. "Das ist nötig, damit er genau weiß, was auf ihn zukommt", sagt Nicolay. Wichtig sind die Besprechungen aber auch, um Missbrauch zu vereiteln. "Einmal kam einer und wollte, dass ich sein Gesicht verfremde." Der Mann war zu schnell gefahren und geblitzt worden. "Er wollte mit dem ,neuen' Gesicht zur Polizei gehen und damit beweisen, dass er nicht der Mann auf dem Blitzer-Foto sein konnte."

In der Kulturnacht am 4. Juni öffnet André Nicolay seine Werkstatt und demonstriert seine Arbeit. Und ab Pfingstsamstag sind Arbeiten von ihm im Lax Legere an der Wallstraße zu sehen.

Quelle: RP
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