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Serie Denkanstoss
Die Botschaft vom Neubeginn des Lebens

Mönchengladbach. Das Aufblühen der Barbarazweige ist ein bunter Farbtupfer in einer ansonsten von Kälte und Dunkelheit geprägten Zeit. Der Frühling im Winter ist mehr - das Leben bricht in aller Pracht durch. Von Ulrich Clancett

Weihnachten wird zweistellig. Toll - so gut waren die Umsätze in diesem Jahr? Leider nicht. Darüber würde die ganze Wirtschaft jubeln. Aber diese zweistelligen Zahlen findet irgendwie keiner so richtig gut. Es ist viel zu warm. Das Netz macht sich lustig über den Frühling im Winter: Wie lange darf man an Heiligabend Rasen mähen? Weihnachtsmänner in Badehose oder Krippen aus Grillwürstchen machen die Runde. Und die Frage: Hast du schon die Eiswürfel für den Glühwein gemacht? Geöffnete und vollbesetzte Straßencafés am Rande der Weihnachtsmärkte bieten zumindest ein genauso gewöhnungsbedürftiges Bild wie blühende Bäume, die hier und da gesichtet werden.

Und zu einem neuen Trend scheint das "Christmas-Barbecue" auch in unseren Breiten zu werden. Grillfans treiben den Metzgern die Schweißperlen auf die Stirn: Die Nachfrage nach dem sommerlichen Grillfleisch-Sortiment droht Gans, Sauerbraten, Knackwürstchen und Co. zu einer ernsthaften, nicht kalkulierten Konkurrenz zu werden. Anderswo auf der Welt wie in Australien zählt das Weihnachtsgrillen am sonnigen Strand selbstverständlich dazu - aber hier, wo alle von weißen Weihnachten träumen?

Frühling im Winter - das ist doch eigentlich etwas, über das man sich freuen könnte. Nicht mehr kalt und unerträglich, sondern freundlich, warm und sonnig - das sollte doch eigentlich unsere Sehnsucht beflügeln. Es gibt bis heute vielerorts den Brauch der "Barbarazweige", Zweige, zumeist von Obstbäumen, die zur Beginn der Adventszeit am Barbaratag (4. Dezember) vom Baum geschnitten und in einem warmen Zimmer in die Vase gestellt werden. Gut drei Wochen später blühen sie meist in voller Pracht. Ein bunter Farbtupfer in einer ansonsten von Kälte und Dunkelheit geprägten, eher unangenehmen Zeit.

Christinnen und Christen haben dieses Phänomen als Zeichen des aufblühenden Lebens auf das Kind in der Krippe hin gedeutet: Dieses Jesuskind durchbricht Kälte und Dunkelheit des Lebens und der Welt. Es markiert einen Neubeginn des Lebens unter den Menschen, es macht das Leben da wieder hell, wo es an Dunkelheit zu ersticken drohte. Unabhängig von aller Diskussion um die drohende Klimakatastrophe, die durch den gegenwärtigen Frühling im Winter markiert werde, frage ich mich: Welche Botschaft könnte gerade für uns hier hinter diesem Phänomen stecken? Könnte der Frühling im Winter nicht auch ein großartiges Zeichen sein?

Es scheint, als taumelten wir gerade von einer Krise in die nächste Katastrophe, um uns danach gleich in der nächsten Krise wiederzufinden. Das vermittelt ein Gefühl der Angst vor dem, was da noch alles kommen mag, ein Gefühl der Ausweglosigkeit aus einem schier unendlich langen, dunklen Tunnel. Und in dieser Situation einen Frühling im Winter zu erleben - ist das nicht ein starkes Zeichen zum Fest, ein wirklich tolles Weihnachtsgeschenk? Was frühere Generationen im Aufblühen der Barbarazweige ersehnten, erleben wir jetzt im ganz großen Stil: Das Leben bricht in all seiner Pracht durch und setzt ein überdeutliches Zeichen gegen den allgegenwärtigen Tod, der uns bedroht.

Vielleicht eine etwas ungewöhnlich Sichtweise auf die Kapriolen, die das Wetter derzeit schlägt. Aber eine, die mir gefallen hat - deshalb habe ich davon erzählt. Nehmen Sie sich an den Weihnachtstagen Zeit zum Durchatmen und genießen sie das zweistellige Fest. Feiern sie diese Tage mit dem Kind in der Krippe und der sonnigen Milde als ein wirkliches Fest des neuen Lebens gegen alle Dunkelheit und Kälte, die uns sonst so umgibt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest in hoffentlich frühlingshafter Stimmung!

ULRICH CLANCETT IST REGIONALDEKAN UND PFARRER VON ST. JAKOBUS JÜCHEN

Quelle: RP
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