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Mönchengladbach
"Eine gute Tragödie hat was"

Mönchengladbach. Matthias Gehrt dreht Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel "Kabale und Liebe" auf heute: Biodeutsch-Junge liebt Türkenmädel. Bekanntlich geht das Stück übel aus. Premiere ist am kommenden Sonntag im Stadttheater. Von Armin Kaumanns

Das waren bewegte Zeiten in Deutschland, als Friedrich Schiller und seine Kollegen den "Sturm und Drang" erfanden. Die Gesellschaft im Umbruch, die Vormacht des Adels im Wanken, das Bürgertum auf dem Sprung in neues Selbstbewusstsein. Aufklärung, Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und mittendrin der Junge Wilde Schiller, der in seinen Texten fürs Theater die Sprache neu erfindet, der neuen Klasse Gehör verschafft. Als er "Kabale und Liebe" schreibt, ist er schon eine Art Popstar, aber einer ohne Geld und fern der Heimat. Seine beiden Protagonisten sind jung, verliebt, aber getrennt durch die Klassenschranken. Romeo und Julia lässt grüßen, sagt Matthias Gehrt, der als Schauspieldirektor des Hauses Schillers Klassiker fürs Stadttheater inszeniert. Er hat einen Schlüssel gefunden, wie man das Thema Klassen-Divergenz ins Heute überträgt.

"Unsere Geschichte ist die vom Biodeutsch-Jungen, der sich in ein Türkenmädel verliebt", formuliert Gehrt betont flapsig seinen Regie-Ansatz, der ohne allzu große Eingriffe in den über 200 Jahre alten Text möglich scheint. "Nur wenn Luise ,zum Beten in die Kirche' geht, dann haben wir ,in die Kirche' gestrichen, sie ist ja eine junge Muslima", gibt Gehrt ein plastisches Beispiel für seine Vorgehensweise. Es wird also "100 Prozent Schiller" gesprochen, leicht gekürzt auf ein Format, das auch von heutigen, an Häppchenkost gewöhnten jungen Menschen ertragen werden kann - schließlich ist "Kabale und Liebe" Abiturstoff. Cornelius Gebert und Helen Wendt sind auf der Bühne Ferdinand und Luise, beide lasen in der Soiree vor der Premiere (am Sonntag, 19.30 Uhr) aus Schillers wunderbarem Text, in dem der Verliebte solch schöne Sätze sagt wie die von den gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die ihm "Stufen in Luises Herz" seien. Oder: "Mein Vaterland ist da, wo mich Luise liebt."

Bekanntlich geht "Kabale und Liebe" übel aus, ein Trauerspiel eben. Gehrt sieht keinen Grund, der gescheiterten Utopie der Protagonisten so etwas wie ein hoffnungsvolles Ende zuzufügen. "Eine gute Tragödie hat was", scherzt er und verweist auf den immensen Sog, den der "tolle Text" gerade im Schlussakt entwickelt. Im Gegenteil, den Hauch von Aussöhnung, den Schiller dem sterbenden Ferdinand und seinem Vater, dem Präsidenten, angedichtet hat, hat er gestrichen. Die Figur des "Wurm", der die Intrige anzettelt, hat Gehrt als "Aufsteiger-Türke" gezeichnet, Luises Vater, der alte Miller, darf auch in seinem neuen muslimischen Kontext die patriarchalen Züge tragen, die Schiller dem "Kunstpfeifer" Miller zuschreibt.

"90 Stühle unterm Sternenhimmel" - so beschreibt Gabriele Trinczek ihr Bühnenkonzept. Da gibt es Polsterstühle und solche aus schlichtem Holz, die zu Beginn in feiner, wie magnetischer Ordnung den Raum bevölkern. Das wird sich ändern und so mancher Stuhl - und damit die gesellschaftliche Ordnung - wird Blessuren erhalten. Das Sternenzelt jedoch, Sehnsuchtsort nicht nur der beiden Liebenden, bleibt. Wie der Perserteppich, auf dem die Stühle stehen. Und zu all dem gibt es auch noch einen satten Schuss Gegenwart aus den Lautsprechern. Der Soundtrack zum Trauerspiel stammt aus dem Kino-Hit "Lola rennt!".

Die Premiere ist am Sonntag, 3. April, 19.30 Uhr, im Theater an der Odenkirchener Straße 78. Karten (35 bis 14,50 Euro) bestellen unter der Telefonnummer 02166 6151100 oder www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
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