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Mönchengladbach
Elf getanzte Geschichten - elf Uraufführungen

Mönchengladbach. Die Tänzer des Theaters stellten eigene Choreographien vor. Mentor war Ballettchef Robert North. Von Christian Oscar Gazsi Laki

Die Choreographie-Werkstatt am Theater kann als absoluter Gewinn für alle Beteiligten - das Publikum eingeschlossen - gelten. Für die Tänzer, die insgesamt elf Choreographien nach eigenen Vorstellungen erarbeiten konnten, aber auch für alle Ausführenden. Gleich elf Uraufführungen an einem Abend. Eine Bereicherung für das Theater, wie gewiss für den Mentor des Abends, Robert North. Nicht zuletzt aber ein Hauptgewinn für jeden Zuschauer.

Unter dem großen Bogen "Frieden", wurde der Abend im Studio mit der gleichnamigen Choreographie von Polina Petkova eröffnet, die drei stereotyp gezeichnete Liebespaare aus drei Phasen der Tanzkunst (Barock, klassisches Ballett, zeitgenössischer Tanz) über der Folie von Vivaldis Musik zum Leben erweckte und schließlich versöhnte.

Abine Leao Ka ließ sich von Nat King Cole's "Ballerina" zu einem dualistischen Kabinettstück inspirieren, in dem das Publikum zunächst Zeuge einer herzhaft sarkastisch inszenierten Ballettstunde mit einer "typischen" Ballettlehrerin sein durfte. Ist der Drache verschwunden, lässt die Ballerina ihrer Tanzwut freien Lauf. Paolo France nutzte Rameaus Oper "Castor und Pollux", um der Arie "Tristes Apprêts" bedeutungsschwanger mit einem Pas de deux tänzerisch auf die Schliche zu kommen.

Plakativer wurde es wieder mit "Laster und Tugenden" von Marco A. Carlucci, der eine obskure Szene mit personifizierten Todsünden zeichnend, sich "Les Préludes" von Liszt annahm. Indes wirkte die euphorische Bekehrung der lasterhaften Figuren - mit Liszts Werk unterlegt - etwas verstörend. Wurde doch diese Musik - wie im Bewusstsein noch heute verankert - in der NS-Zeit als Fanfare missbraucht.

Tiefgründig, ja philosophisch der Ansatz von Amelia Seth in ihrem "Border Control". Viele Grenzen existieren nur im Kopf und sind überwindbarer als sie scheinen. Bravo! Wie sehr sich Streichquartette zur Choreographie eignen, zeigte Alessandro Borghesani zur Musik von Philip Glass. In "Cumpany" nutzte er die minimalen repetitiven Klänge für ein mit viel tänzerischem Esprit gewürztes Abbild menschlicher Beziehungen.

"Incomplete" - von Victoria Hay am Piano live begleitet - von Raphael Peter ließ Yann Tiersens Musik zur Kulisse für wahrlich sprechend illustrierte Selbstzweifel und ihre Widerspiegelung im Glück anderer werden.

Als einer der Höhepunkte des Abends muss "Ecce.5" mit Arvo Pärts Musik gelten. Cecile Medours sieben Sätze über das Wort "Mann" packte den Betrachter mit eindringlicher und stilistisch absolut konsistenter Dramatik. Großartig!

Leichte süßliche Kost bot als kurzes Intermezzo erneut Polina Petkova über die zwiespältige "Freundschaft" zweier Damen mit Bersteins "Turkey Trot", bevor es in die Welt der Träume ging. "Dreamscapes" von Zinnia Nomura wartete nicht nur mit eigens für die Choreographie durch Boris Wood komponierten Sounds auf, sondern bemühte sich auch - mit teils sehr guten Einfällen - bildlich, die Erlebnisse einer Träumenden zu illustrieren.

Das Finale war in Takashi Kondos Hand. Mit "Shalom" - was gleichzeitig ein Gruß ist und übersetzt Frieden bedeutet - nutzte er Klezmer-Musik, um Szenen bitter-heiterer Begegnungen zu kreieren. Bis hin zur Filmmusik von "Schindlers Liste" spannte er einen weiten Bogen, der durchaus auch Raum für nachdenkliche Stimmung ließ.

Weitere Aufführungen: 23. und 29. Juni sowie 5. Juli

Quelle: RP
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