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Mönchengladbach
Ewig junge Greise rocken die Bühne

Mönchengladbach. Sie sind noch einmal zurückgekehrt auf die Theaterbühne - die sechs in die Jahre gekommenen Schauspieler, die im Seniorenheim von Pflegerin Lena drangsaliert werden. Sie lassen sich allerdings nicht unterkriegen - die alten Rebellen. Von Inge Schnettler

Es ist 5 vor 12. Und zwar den ganzen Abend. Da bewegt sich nichts auf dem Zifferblatt der ollen Standuhr. Wir sind Jahr 2061. Das Stadttheater ist zu einem Seniorenwohnheim für pensionierte Schauspieler umfunktioniert. Für die sechs Bewohner - aller locker über 90 - ist es ebenfalls 5 vor 12. Daran lässt Pflegerin Lena (Lena Eikenbusch) keinen Zweifel. Sie trägt, begleitet von Herrn Kilian (Jochen Kilian) am Klavier, gruselig-morbides Liedgut vor, die Greise finden's doof. Sobald die penetrant daherschwadronierende junge Dame den Raum verlässt, geht die Post ab. Dann singen sie "Forever young" - und sind es in dem Moment tatsächlich.

Frau Keil (Esther Keil), Frau Spott (Eva Spott), Herr Winzen (Bruno Winzen), Herr Linke (Adrian Linke) und Herr Tomiska (Ronny Tomiska) fangen an zu rocken. Da wird gesungen, was das Zeug hält, und die alten Knochen müssen noch mal heftig ran. Ewig jung: Zur Freude der Theaterbesucher (und sichtbar auch der Schauspieler) ist das Songdrama noch einmal ins Programm genommen worden. Das Publikum hielt seine Begeisterung keineswegs zurück. So viel Applaus, so viel herzliches Gelächter, standing ovations am Ende.

Die ehemaligen Schauspieler zeigen, was (noch) in ihnen steckt - jede Menge Lust am Leben nämlich. Dankenswerterweise darf das jeder von ihnen bis zum Geht-nicht-mehr demonstrieren. Da ist der unter Atemnot leidende Pianist Herr Kilian. Der spielt hervorragend Klavier, Text musste er allerdings nicht auswendig lernen. Er nuschelt komplett unverständlich vor sich hin. Keiner versteht ihn. Frau Keil hat den schönsten Sessel im Altenheim, kann fluchen wie ein Bierkutscher und belegt ihre Mitbewohner mit unflätigsten Schimpfworten. Zwischendurch verliert sie sogar mal das rechte Bein.

Das alternde Ehepaar, die elegante Frau Spott und der eloquente Herr Tomiska mit dem kleinen Sprachfehler, ist rührend, ein bisschen nervig auch. Sie wird am Ende zum Flintenweib, er hält zu ihr. Das Gebiss von Herrn Winzen droht sich andauernd selbstständig zu machen, er hat den Tatterich und ist auf seinen Gehstock angewiesen. Kann trotzdem super tanzen, wenn es denn sein muss.

Und dann der Herr Linke. In Lederhose, mit Schlabberpulli, Weste, langen Zottelhaaren unterm Hut und Peace-Kette erinnert er ganz schön an Altrocker Udo Lindenberg. Der Herr Linke trägt außerdem dicke Socken und Flip-Flops. Das muss besonders unbequem sein. Der Typ säuft, raucht einen Riesen-Joint und pupst gewaltig. Und voller Genuss, wie es aussieht.

Eine herrliche Truppe, saukomisch, manchmal anrührend, respektlos, die einen tüddelig, die anderen total auf Zack - so muss das Alter sich zumindest halbwegs okay anfühlen. Das Publikum, das sich die erste von drei Wiederholungen des Stücks gönnte (viele junge Menschen waren darunter) ging vom ersten Moment an temperamentvoll mit. Es schien, viele waren Wiederholungstäter. Der Applaus mochte nicht enden, die Schauspieler mussten immer wieder auf die Bühne. Kein Zweifel, sie taten es wirklich gern.

Noch zweimal gibt es "Ewig jung" im Theater - am 13. April und am 8, Mai, jeweils um 19.30 Uhr. Tickets gibt es an der Theaterkasse unter der Nummer 02166 6151-100 und online auf www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
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