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Mönchengladbach
Friedlicher Visionär mit radikalen Liedern

Mönchengladbach. Vor rund 20 Jahren starb der Kultsänger Rio Reiser. Das Theater widmet dem Agit-Rock-Pionier eine Revue. Von Dirk Richerdt

Nach dem frühen Tod von Ralph Möbius, allgemein nur als Rio Reiser bekannt, im August 1996 befand ein Kollege, Blixa Bargeld von den "Einstürzenden Neubauten", im "Spiegel": "Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen Zuhörer aufzubauen." Rund 20 Jahre nach dem Tod des umstrittenen, aber von einer riesigen Fangemeinde verehrten Sängers, Komponisten, Liedtexters und Gründers der Deutsch-Rock-Band "Ton Steine Scherben" produziert das Theater einen musikalischen Nachruf. "Rio Reiser - König von Deutschland" ist Titel des Stücks, das der Multi-Instrumentalist, Autor, Regisseur und Schauspieler Heiner Kondschak 2004 für das Landestheater Tübingen schrieb.

Bei der Einführungsmatinee informierte darüber Kondschak, der als Heranwachsender den 1950 geborenen Rio Reiser persönlich gekannt hat. Der Reiser-Biograf plauderte in authentischer Atmosphäre mit Dramaturgin Barbara Kastner über den Ausnahme-Musiker. Reiser - zu dem Künstlernamen hatte Möbius die Lektüre des psychologischen Entwicklungsromans "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz inspiriert - und seine Bandkollegen waren vom Geist der 68er-Rebellen erfüllt. Die "Scherben" spielten bei Hausbesetzungen in Berlin und riefen sogar dazu auf. "Diese Band war die erste, die Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland politisch ausgerichteten Deutschrock machte", betonte der 60-jährige Kondschak, der mit angegrauter Langmähne wie ein Urgestein jener Zeit anmutet. Die schlichten Botschaften, die Reiser mit Agit-Rock-Liedern wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder "Keine Macht für Niemand" seit dem Fehmarn-Festival 1970 ins Publikum abfeuerte, wurden zu geflügelten Worten. Dazu gehört etwa der tausendfach auf Mauern gesprayte Anarchospruch "Krieg den Hütten, Paläste für alle!". "Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst", rezitierte Hauptdarsteller Adrian Linke aus der Autobiografie des legendären Musikers, der erst nach der Trennung von den "Scherben" an wirtschaftlichen Erfolg dachte. 1985 löste sich die Band, nicht zuletzt wegen ihrer finanziellen Misere, auf. Letzte Managerin der "Scherben" war übrigens, daran erinnerte Heiner Kondschak, die Grünen-Politikerin Claudia Roth.

Mit Reibeisenstimme intonierte Adrian Linke einen weiteren Hit von Rio Reiser, den oft gecoverten "Junimond". "Seine Musik kommt mit großem Pathos daher, das aber ganz echt ist, toll!", schilderte der Schauspieler persönliches Empfinden.

Heiner Kondschak, der bei den Aufführungen mit Gitarre und Mouthharp selbst im Bandteam um Willi Haselbek (Akkordeon) mitwirken wird, betonte: "Rio Reiser schrieb radikale Texte, aber er war der friedlichste, sanfteste Mensch, den ich kannte. Ich glaube, er war sich seines Charismas gar nicht bewusst."

Die Premiere ist am kommenden Samstag, 30. April, 19.30 Uhr, im Theater. Weitere Vorstellungen am 6., 15., 20., 27. Mai. Karten: 02166 6151-100 und online: www.theater-krefeld-moenchengladbach. de

Quelle: RP
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