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Serie Denkanstoss
Fußball-Wunder

Mönchengladbach. Natürlich kann man tippen! Man kann raten, vermuten, spekulieren; man kann sogar um viel Geld wetten. Nur wissen kann man es nicht, wer der neue Fußballeuropameister wird. Und genau damit ist der Reiz benannt, der eigentlich von jedem Spiel, aber insbesondere vom Fußball ausgeht; denn wie der Ball rollt, und wer zuletzt als Sieger vom Platz geht, das weiß im Vorhinein niemand. So mussten sich bereits in der ersten Turnierwoche auch die "Experten" manches Mal verwundert die Augen reiben. Von Klaus Hurtz

Jedes Fußballspiel ist gleichzeitig unendlich komplex und unendlich einfach; schon ein Kind versteht, was das Ziel des Spieles ist: "Das Runde muss in das Eckige." Aber damit genau dies auch geschieht, sind unendlich viele Faktoren wichtig; doch selbst wenn man die meisten erfüllt zu haben scheint, kann es passieren, dass man zum gleichen Ergebnis kommt wie einmal ein Fußballer nach einem verlorenen Spiel: "Zunächst hatten wir kein Glück - und dann kam noch das Pech dazu."

Wer den Titel gewinnt, lässt sich mit dem größten Computer der Welt nicht errechnen. Und damit spiegelt das Spiel das Leben selbst; denn das Leben bleibt immer unberechenbar.

Natürlich bemühen wir uns in der Regel, die Voraussetzungen zu schaffen, damit wir unsere großen und kleinen (Lebens-)Ziele erreichen; natürlich versuchen wir in der Regel, uns gegen Gefahren und Gefährdungen abzusichern; aber erzwingen können wir es nicht. Es gibt eben keine Zwangsläufigkeit wie bei einer Ableitung einer mathematischen Formel; letzten Endes sind unserem eigenen Tun und Lassen enge Grenzen gesetzt, ob Erstrebtes Wirklichkeit wird!

Eigentlich müsste das Ansehen des Fußballs ziemlich ramponiert sein. Wie viele Skandale mussten wir in der UEFA und FIFA erleben? Was für einen Sumpf an Korruption gilt es trocken zu legen? Welche abenteuerliche Kommerzialisierung hat sich in den letzten Jahrzehnten im Profifußball vollzogen? Wie mühsam ist der Umgang mit Hooligan-Strukturen? Doch all dies hat der Faszination keinen Abbruch getan, weil wir in jedem neuen Spiel auf das Wunder hoffen können. Bern winkt in jedem Stadion!

Daher dürfen wir voll Emotionen mit der eigenen Mannschaft mitfiebern, doch können wir auch ganz gelassen Sieg oder Niederlage hinnehmen; nicht erst seit der Globalisierung ist ein Meistertitel kein Nachweis über die Stärke und Fähigkeit einer Nation. Aber vor allem sollten wir neu lernen, dass das Wunder immer dazu gehört, nicht nur auf dem Platz, sondern erst recht im Leben! Vielleicht werden wir sogar erkennen, dass schon das Dasein selbst ein Wunder ist. Hierzu bedarf es gegebenenfalls einer leichten Drehung in der eigenen Lebensperspektive, aber genau das ist der Ursprung des Wortes Turnier; es ist entlehnt aus dem Altfranzösischen und meint eigentlich "Drehung, Wendung".

Und wenn zuletzt beim Schauen der Spiele sich die Gewissheit hinzugesellt, dass nur im guten Mit- und Füreinander (einer Mannschaft) das Beste des Einzelnen sich entfalten kann, dann liegen wirklich wunder-volle Wochen vor uns!

KLAUS HURTZ IST PFARRER AN ST. MARIEN RHEYDT

Quelle: RP
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