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Mönchengladbach
Heißkalte Lebenswelten

Mönchengladbach. Pola Sieverding kombiniert ihre Werke zu einer völlig neuen Installation im Museum Abteiberg. Ein Kontrast aus Haut und Stein, Hitze und Kälte. Von Ludwig Krause

Haut reibt sich an Haut. Fest umklammert stehen sich die beiden Männer gegenüber, der Schweiß rinnt an ihren angespannten Muskeln herunter. Kleine Härchen stellen sich auf - das sieht man, weil nur die Körper im Scheinwerferlicht zu sehen sind. Wie sie sich schnaufend in Zeitlupe bewegen, eingehüllt von Schwarz. Eine Bildsprache voller Erotik und Sinnlichkeit, erst spät werden die Boxhandschuhe sichtbar. Das ist kein Liebesspiel, sondern ein Kampf. Pola Sieverding aber spielt mit dem Besucher. "Close to concrete II", heißt ihre Multimedia-Installation, "Von den Strömen der Stadt" die Ausstellung im Museum Abteiberg.

Wände, Bilder und Bildschirme kombiniert die Künstlerin, Fotos und Filme. Werkreihen bekommen so eine ganz neue Bildsprache. Hochkant hat sie den Monitor gestellt, auf dem sich gerade eine Frau windet. Ihr schwarzes Oberteil gibt Schultern und Arme frei, die sie verdreht, um dann plötzlich zu verharren und doch wieder loszubrechen. Ein unhörbarer Rhythmus treibt sie an, grüne Lichtstrahlen fahren immer wieder über den Körper. Erst mit geschlossenen Augen tanzt sie, dann öffnet sie langsam ihre Lieder. Bewegt sich dabei wie in Zeitlupe. Schaut einen an. Wieder Gänsehaut. Dieses Mal aber nicht auf dem Bildschirm, sondern beim Besucher. Aus verborgenen Musikboxen dröhnt immer wieder ein Grummeln und Kratzen.

Pola Sieverding arbeitet mit einer ganz eigenen Bildsprache, fordert den Betrachter heraus. Die sich windenden Körper stellt sie in den Kontrast zu grauen Hausfassaden. Im großen Hochformat an den Wänden des Museums und auf einem Bildschirm, den sie als Gegenpol zu den beiden Kämpfern an eine weiße Säule des Museums gelehnt hat. Die Symmetrie schmutziger Wände, Ecken, Rohre und Abdeckplatten führen zu Balkonen von Wohnungen, in den niemand mehr zu wohnen scheint - sicher aber niemand mehr wohnen möchte.

Zwischen 2012 und 2016 sind die sechs Werke entstanden, die Sieverding, Jahrgang 1981, im Museum Abteiberg ausstellt. Sie hinterfragt den schmalen Grat zwischen Dokumentation und Inszenierung, auch mit einer Bildreihe von Wrestling-Kämpfern, die sie in ihrer Wahlheimat Berlin aufgenommen hat. Mit ihren Kostümen durchbrechen die Kämpfer die kalten Hauswände und deren uniforme Bildsprache. Pola Sieverding ist auf der Suche nach Realität und Sehnsucht im Urbanen und im öffentlichen Raum, aber auch nach Widersprüchen und Konflikten.

Im Museum Abteiberg gelingt ihr das, indem sie durch das Arrangement bereits bestehender Werke mit neuen Stücken eine Anziehungskraft erzeugt, der man sich kaum entziehen kann. Manch ein Besucher läuft zwischen den Werken hindurch, wer Glück hat, ergattert einen Platz auf den Sitzgelegenheiten gegenüber. Dann erschließt sich das Werk als Ganzes - Pola Sieverdings heißkalte Lebenswelten.

Quelle: RP
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