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Mönchengladbach
Henri Sigfridsson: Virtuoses Spiel mit nur einer Hand am Piano

Mönchengladbach. Eine wirklich böse Diagnose erhielt kürzlich Henri Sigfridsson, Professor für Klavier an der Essener Folkwang-Universität. Koordinationsprobleme in der rechten Hand waren nicht, wie erhofft, nur vorübergehender Natur. Die Krankheit ist chronisch, er wird auf lange Zeit nur noch mit der linken Hand spielen können. Von Gert Holtmeyer

Für seinen Lebensmut spricht, dass er nicht aufgab. Er erinnerte sich an einen Pianisten, den es noch schlimmer erwischt hatte. Paul Wittgenstein hatte im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren. Er bestellte bei zeitgenössischen Komponisten Werke nur für die linke Hand, unter anderem bei Maurice Ravel ein Klavierkonzert.

Erstaunt war Sigfridsson, wie er seinem Publikum im fünften Rheydter Schlosskonzert berichtete, über die große Anzahl bereits vorliegender Kompositionen und Transkriptionen für nur eine Hand. Das Programm, das er im Rittersaal vorstellte, hatte es in sich.

Bachs Chaconne aus der zweiten Partita für Violine solo war beispielsweise von Brahms bearbeitet worden. Wer von seinem Platz aus die Tastatur nicht sehen konnte, wäre kaum von sich aus darauf gekommen, dass alles nur mit einer Hand gespielt wurde. Es war großartig, wie Sigfridsson die Basslinie und die Umspielungen gegeneinander absetzte, wie wuchtig die Vorschläge und wie schwerelos Läufe und Arpeggien klangen.

Zum Glück hat Sigfridsson über seinem schweren Schicksalsschlag nicht den Humor verloren. So merkte er über den Schwierigkeitsgrad der Bearbeitungen scherzhaft an, dass die Aussage "das mache ich mit links" nur im wörtlichen, keineswegs im übertragenen Sinn zutreffe.

In der Tat. Dem guten Leopold Godowsky war offensichtlich nichts schwer genug. Drum schrieb er Chopins Etüden für nur eine Hand um. Fünf davon trug Sigfridsson vor. Man konnte nur staunen, mit welcher Fertigkeit er beispielsweise die "Revolutionsetüde" oder das schwierige op. 25, Nr. 12 vortrug. Fugen für nur eine Hand sind ebenfalls eine gewaltige Herausforderung. Die von Godowsky und Manuel Ponce wurden mit verblüffender Sicherheit so vorgetragen, dass man den Verlauf der einzelnen Stimmen mühelos verfolgen konnte. Fabelhaft gelangen auch "Prelude and Nocturne" des Russen Skrjabin und "L.H." des U.S.-Amerikaners Leon Kirchner.

Mitreißend war auch der Abschluss des Programms mit Godowskys "Symphonischen Metamorphosen über den 'Schatzwalzer' aus 'Der Zigeunerbaron' von Johann Strauß". Einen ruhigen Ausklang besorgte dann Sigfridsson noch mit "Die Tanne" (op. 75 Nr. 5), einer Zugabe aus der Feder seines Landsmannes Jean Sibelius.

Quelle: RP
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