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Mönchengladbach
Im Bett mit Knippi

Mönchengladbach. Der Abschluss der euphorisierenden Aktionstage "MG liest" ist erotisch: Torsten Knippertz, Schauspieler, Moderator und Stadionsprecher, hatte zu später Stunde ins Betten-Depot Kluge geladen und allerhand Derbes mitgebracht. Von Armin Kaumanns

"Frauen, das sind so Dinger fürs Bett." Sagt Hugo Kersten, Vertreter des "impertinenten Expressionismus", in seinem Jahrhundertwende-Gedicht, das noch ganz anders weitergeht. Torsten Knippertz, als "Knippi" seit langem Borussias Stadionstimme, liest diesen Satz mit sichtlichem Genuss, einem kurzen Augenzwinkern in der sprechgeschulten Stimme und in einer Körperhaltung, die andernorts mindestens als kompromittierend bezeichnet würde. Er liegt im Bett. Öffentlich. Und alle hören und sehen zu.

Manchmal ganz schön schwül, bisweilen ungehobelt, immer jedoch reichlich sexualisiert ist dieser Abschlussabend des Festivals "MG liest", mit dem Ingeborg Mühlenbroich und Dagmar Jansen wieder mal die Stadt alphabeti- und euphorisiert haben. Wir befinden uns - wie könnte es treffender sein - im Bett. Genauer: im Betten-Depot Kluge an der Schillerstraße. Mit "Knippi". Die Gastgeber haben ihr "Schlafzimmer" dezent abgedunkelt. Ein Lüster (!) verströmt warmes Kerzenlicht, vom Garten her flackern Kandelaber. Es gibt Wein und wahnsinnig weiche Matratzen. Zwei Dutzend Gladbacher haben zwei Stunden vor Mitternacht den Weg über hochgeklappte Bürgersteige nach Eicken gefunden.

Sie liegen oder hocken nun auf den ausgestellten Gerätschaften, die in erster Linie zum Schlafen gemacht worden sind. Drei Freundinnen fläzen sich im Doppelbett, ein Pärchen mittleren Alters liegt akkurat parallel, ein jüngeres in inniger Löffelchenstellung. Ganz nah zum Vorleser wagt sich ein etwas betagteres Paar, das aber lieber auf der Bettkante sitzenbleibt. Und "Knippi" kramt in Blättern, Büchern, Heftchen. Eine sparsame Lampe spendet gerade genug Licht, dass es schummrig bleibt.

"MG liest, na eigentlich liegt", sagt der Vorleser bei Ansicht seines Publikums. Und geleitet es ganz selbstverständlich von Ovid (eins vor Christus) zu Klaus Kinski, wie er es in seinen Memoiren mit einer Riesin treibt. Tucholsky schaut kurz herein, und, weil Besuch aus Köln da ist, Literatur aus der Domstadt. Irgendwann blickt "Knippi" auf die Uhr und macht sich an die härteren Sachen. Da denkt er an seine Schülerzeiten und was er gern in der Bahnhofsbuchhandlung angeschaut hat. Da war er auch an diesem Morgen und liest aus gleich seiner "Beute" vor. Ein Cowboy-Groschenporno, dessen "gleich zur Sache kommen" einerseits witzig, andererseits kaum zum Aushalten ist. Überhaupt ist Knippertz beim Vorlesen ein Meister des wohldosierten Interruptus, was allseits mit erleichtertem Kichern quittiert wird.

Er hat Kostproben dabei, dass erotische Spannung auch literarisch anspruchsvoll aufgebaut werden kann. Meist sind dann Frauen die Autorinnen. Er liest den deutschen Text vom bekannten französischen Stöhne-Schlager "Je t'aime" vor, einen Rap von den "Ärzten" und ein fiktionales Erlebnis zum Thema "Tinder-App", mithilfe derer heutzutage viele Kontakte geknüpft werden. Ein Ergebnis: "Rechtschreibfehler sind total unsexy." Der Vorleser bereitet seinem Publikum einen angeregt amüsanten Abend. Niemand schläft ein. Und nach dem Schluss-Akt wird eifrig in "Knippis" literarischen Mitbringseln gestöbert.

Quelle: RP
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