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Mönchengladbach
In der Kulturküche swingt und groovt es

Mönchengladbach. Gemeinsam singen, sich selbst und andere erfreuen - das ist das Prinzip von "Komm und sing". Alle zwei Wochen trifft sich der Chor im Probenraum der Kulturküche, und in 14 Tagen haben die mutigen Sänger sogar einen Auftritt. Von Inge Schnettler

Zunächst werden die Gelenke gelockert - die Arme schwingen um den Körper, der Popo wackelt, sogar die Zunge darf einfach mal rausgestreckt werden. Die Lippen blubbern fröhlich, aus dem Brustraum heraus kommt Sirenengeheul, alle lachen. Es sind Lockerungsübungen, die jeder Chorsänger kennt. Zwischen Alltag und dem Gesang stehen Entspannung und Einstimmung - abschalten und ankommen. Das muss so sein, sonst klingt es nicht. Der Chor hat sich im Probenraum der Kulturküche versammelt. Okay, der Männeranteil ist geringfügig höher als üblicherweise im gemischten Chor. Aber sonst? Alles ganz normal. Dass einige der Sängerinnen und Sänger ehemalige oder akute Psychiatrie-Patienten sind, dass andere an Abhängigkeitserkrankungen litten oder leiden, interessiert hier niemanden. Gehört aber selbstverständlich zum Konzept.

"Komm und sing" hat die Psychiaterin Dr. Andrea Jäger dieses Unternehmen genannt, das ehemals Erkrankte, Kranke und Gesunde zusammenbringt. Erprobt hat sie die Methode in der LVR-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, wo sie als Ärztin gearbeitet hat. Inzwischen betreibt sie eine eigene psychotherapeutische Praxis in Rheindahlen. Alle zwei Wochen treffen sie sich die begeisterten Sänger mit ihr, gemeinsam singen sie eine Stunde lang und treten sogar im Gastraum der Kulturküche auf. In zwei Wochen ist es wieder so weit. "Das muss euch aber nicht nervös machen", sagt die Chorleiterin. "Keine Panik."

Das erste Lied an diesem Spätnachmittag ist der "Univers song" Die hohen Stimmen sortieren sich, der Alt ist gut besetzt, der Tenor hochkonzentriert. Andrea Jäger, die seit 20 Jahren nebenberuflich als Chorleiterin tätig ist, begleitet den Gesang auf der Trommel, klopft den Takt zart mit dem Fuß, eine Hand zeigt die Tonfolgen an - höher, höher, jetzt wieder runter mit der Stimme, sanft ausklingen. "I am child oft the universe, a apart of all women and a part of all men" singen sie. Ohne Noten - und super textsicher. Immer schöner wird der Gesang, die Männer und Frauen lachen, applaudieren sich selbst.

Da geht noch mehr. "Ich spür, atme ein, bin ganz bei mir, bin ganz bei mir zu Haus. Zwischen Himmel und Erde geborgen, lass ich los alle Sorgen." Sie singen das nicht nur, sie spüren es. Und das ist genau das, was Andrea Jäger will. Ihre Methode richtet sich nach dem Prinzip "Natural Voice", das in den 80er Jahren in England entstanden ist und erfolgreich in der Welt umgesetzt wird.

"Dabei geht es einfach um den Spaß", sagt sie. Vielen Menschen würde das Singen schon in der Kindheit regelrecht ausgetrieben. "Du hast keine Stimme, du kannst keinen Ton halten, du hast kein Rhythmusgefühl", das hören schon Kinder in der Schule. Andrea Jäger hält das Singen für ein "Geburtsrecht des Menschen". Sie weiß um die heilsame Wirkung, um die wunderbar positiven Effekte, die das gemeinsame Singen hat.

"Let freedom ring" - das ist echt nicht einfach zu singen. Findet auch eine Altistin. "Ich kann den Ton nicht halten, die anderen singen so laut", sagt sie. Das ist überhaupt kein Problem, versichert ihr die Chorleiterin. "Es muss nicht jeder Ton auf Anhieb hinhauen." Der Sopran singt mit hellem Klang, der Alt macht die ruhige Mitte, der Tenor darf ein Whohoho in den Refrain einbauen. Das klingt toll. Und dann melden sich auch noch vier Freiwillige, die die Solo-Parts übernehmen. Und auf einmal swingt und groovt der ganze Raum. Es wird geschnippt, geklatscht, gewippt und getanzt. Norbert von Dahlen, Geschäftsführer der Intres GmbH, die sich um die Rehabilitation Suchtkranker kümmert und außerdem seit 2013 die Kulturküche betreibt, sagt: "Das, was wir hier machen, ist echte Integration." Und er singt begeistert mit "Let freedom ring".

Quelle: RP
 
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