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Mönchengladbach
Kunst im Kloster

Mönchengladbach. Eine zuckende Schlange aus Kugelschreibern, Pfauenfedern, die nackte Maja von Goya: 18 Künstler haben die leeren Zellen des Franziskanerklosters mit Kunst gefüllt. Sehenswert! Von Inge Schnettler

Kaiso liebt es gelb. Der japanische Künstler hat Stoffe in sonnengelbe Farbe getaucht und sie an den Wänden seiner Zelle fantasievoll drapiert. Auch der Boden bekam sein Gelb ab. Die Farbe - in Schlieren aufgetragen - war gestern noch nicht ganz trocken. Heute, wenn um 19 Uhr die Ausstellung "Miszellen" eröffnet wird, sollte beim Betreten des Raumes aber jegliche Rutschgefahr gebannt sein. Kaiso ist einer von 18 Künstlern, die die leerstehende erste Etage des Franziskanerklosters mit Leben gefüllt haben - und mit ganz viel Kunst.

Organisiert hat die Aktion der Verein Mischpoke, der gern verlassene Gebäude bespielt. Das Kloster mit den Zellen, die links und rechts des zentralen Flures angeordnet sind, ist ein idealer Ort für Kunst. Beziehungsweise für die Künstler. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Raum. Gegenüber von Kaisos Raum hat Evangelos Papadopoulos aus Gipskarton und Holzlatten eine raumfüllende Installation gebaut. Die hängt an der Decke, und die zackigen, zerklüfteten Formen erinnern gewaltig an eine Kathedrale - trotz des profanen Materials.

Harald Falkenhagen hat ein paar Klopapierrollen aufgebaut. Darauf liegt die nackte Maja von Goya - ausgerissen aus einer Zeitung. Je nach Stapelung der Rollen hängt die Dame ziemlich durch, auf anderen Formationen kann sie sich gemütlich räkeln. Falkenhagen zeigt die unterschiedlichsten Varianten auf kleinen Fotos an der Wand. Eine Zellentür ist verschlossen, davor liegen zwei Bücher. Auf diese muss der Betrachter steigen, um durch das Türfensterchen schauen zu können. Es lohnt sich, denn in dem abgedunkelten Raum projiziert Dirk Knickhoff fließendes Wasser auf ein Foto. Ein Augengenuss!

Alexander Hermanns hat seine Arbeit mit dem Titel "Ordnung nach innen" auf einen Sockel in den Flur gestellt. Eine Dibond-Platte, außen verspiegelt, innen leuchtend-gelb, hat er schneckenförmig eingedreht. Schön, dass der Betrachter um die Arbeit herumgehen und sie (und sich) immer wieder neu sehen kann.

Wer seinen Augen Erholung und seiner Seele Ruhe gönnen möchte, sollte sich in den Raum von Diana Mercedes Alonso zurückziehen. Mit zarten Bleistiftstrichen hat die Künstlerin weiße Acrylflächen bearbeitet und sie leicht verwischt. Die Strukturen ähneln sich, sind aber nicht gleich. Ein Raum der Stille ist entstanden. Ein regelrechtes Mädchenzimmer wartet ein paar Türen weiter. Denise Mungan hat diesen Traum aus Seidenpapier, Weiß und Pastelltönen geschaffen. Wer bitteschön sollte angesichts der zarten Blumen und Formen auf hellem Grund auf diesen Gute-Laune-Bildern nicht ins Träumen geraten? Heftiger geht es in der Zelle von Philipp Maria Königs zu. Sechs grienende Teufel - dem Kasperletheater entliehen - überfallen den Besucher. Nicht wirklich, sie bleiben schon an den Wänden hängen.

Charlotte Urbanek hat die Architektur eines Vogelkäfigs skizziert - mit Hirsekolben, Glöckchen, Wasserspender, allem drum und dran. Ihre Collagen haben ebenfalls etwas mit Vögeln zu tun. "Die Nähe zu der großen Voliere im Bunten Garten hat mich total inspiriert", sagt sie. So sind eine Menge Pfauenfedern und viele Vögelchen zu entdecken.

Shigeru Takato holt mittels der Camera obscura die Klosterfassade in seine Zelle. Selbstverständlich steht sie auf dem Kopf. Anne Müchler und Nico Schmitz zeigen Fotos von Landschaften und Autos, Wolfgang Hahn hat das Modell für eine Außenplastik auf einen Sockel gesetzt - eine liegende Gestalt mit einem Loch im Körper, aus dem ein Baum wächst. Thomas Trinkl lässt die Besucher durch ein Spionglas in seinen fast leeren Raum schauen, Michael Huth präsentiert Collagen, die er mit Linoldruck überarbeitet. Lúcia de Figueiredo hat die Zelle, die früher ein Mensch alleine bewohnte, mit Porträts belebt. Alles Freunde und Bekannte. Christoph Breitmar bearbeitet monochrome Inkjet-Drucke mit Aceton, das er mit einem breiten Pinsel aufträgt, der Bildhauer Heiko Räpple nennt seine 20-Kilo-Wandarbeiten Zeichnungen. Eigentlich handelt es sich um Beton-Gips-Abgüsse.

Wolfgang Hahn vom Verein Mischpoke hat die Aufbauarbeiten betreut. Er bezeichnet seinen Künstlerkollegen Taka Kagitomi als Gesamtkunstwerk. Kann man so sehen. Der Japaner hat im Flur vor seiner Zelle eine Küche aufgebaut. Im Raum gibt es ein Nest aus kaputten Trommelstöcken und eine von der Decke hängende Schlange aus Kugelschreibern, die seltsame Bewegungen vollführt. Dazu gibt es musikalische Klänge, und - ganz ehrlich - riesig viel Energie. Dafür sorgt der quirlige Künstler, dem es nicht gelingen mag, auch nur eine Sekunde zu verharren.

Die Ausstellung im Franziskanerkloster, Franziskanerstraße 30, wird heute um 19 Uhr mit einer Einführung von Ulrike Lua eröffnet. Um 21 Uhr gibt es eine Performance von Michael Huth.

Quelle: RP
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