| 00.00 Uhr

Mönchengladbach
Liebe zwischen allen Stühlen

Mönchengladbach. Matthias Gehrt inszeniert Schillers "Kabale und Liebe" als Liebesdrama von Bürgersöhnchen und Türkenmädel mit revolutionärer Perspektive. Und vielen Stärken. Das Publikum nahm die Premiere sehr freundlich auf. Von Armin Kaumanns

Am Ende des Abends bleibt die Frage offen, was denn diese ganze türkische Folklore eigentlich bringt - Matthias Gehrts Mönchengladbacher Inszenierung von Schillers bürgerlichem Trauerspiel "Kabale und Liebe" entdeckt dennoch viele Stärken im Ensemble. Seine Arbeit ist packend, streitbar, ernsthaft. Und weiß sich eins mit der schillerschen Idee des Theaters als moralische Anstalt. Das Publikum nahm die Premiere sehr freundlich auf.

Dies Problem hat jede Kabale-Inszenierung: die gesellschaftliche Kluft zwischen Adelssohn und Bürgertochter auf Heute zu bürsten. Matthias Gehrt zeichnet die Familie der schmucken Luise (mit rosa Turnschuhen) als konservativ türkische Gemeinschaft. Mutter und Tochter tragen Kopftuch und lange Kleider, der alte Miller Bart, Häkel-Kappe und Gebetskette. Über der Wohnküche eine Neonröhre. Die von Walter, aus dem der smarte Ferdinand mit seinem blauen Anzug stammt, wohnen unterm Kronleuchter, sitzen auf Polsterstühlen, während die Familie des Türkenmädels auf schlichten Holzstühlen zuhause ist.

Nun tut Gehrts Griff in die Mottenkiste der Culture-Clash-Klischees dem guten Schiller nicht weiter weh. Zumal der Gladbacher Schauspieldirektor mit mit Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek und Kostümbildnerin Petra Wilke gerade im ersten Teil des dreistündigen Abends ein dann doch feines Netzwerk von Metaphern spinnt, das die Liebenden und ihre Widersacher charakterisiert.

Cornelius Gebert (Ferdinand) und Helen Wendt (Luise) sind die ungestüm verliebten Kinder, wie sie der junge Schiller in Sinn und Herz gehabt haben mag, als er mit der "Kabale" die Ära des Sturm und Drang befeuerte. Schiller war ja selbst gerade auf der Flucht bei einer Adeligen untergeschlüpft und in eine standes-ungemäße Liebe verstrickt. Gehrt lässt seinen Ferdinand jedenfalls seiner Geliebten ein bequemes Sitzpolster mitbringen, die alte Millerin (Esther Keil) zur emanzipatorischen Zigarette greifen und den schmierig-dummen Schranzen Kalb (Ronny Tomiska) auf einem hippen Business-Roller herumsausen.

Das alles in einem Feld von 60 Stühlen, die vorm (gottgegebenen) Sternenhimmel-Prospekt für eine Ordnung stehen, die im Verlauf des Dramas aus den Fugen gerät. Zunächst werfen die jungen Leute im Liebes-Übermut die Sitzmöbel durch die Gegend, bevor im Finale Luise alle Stühle zum Haufen stapelt, der im Schlussbild mit toten Liebenden per Drehbühne zur Barrikade überhöht auf die Revolution vorausweist. Zuvor hatte schon das Türkenmädel, in ikonischer Marianne-Geste, den Arm gen Himmel gestreckt. Gehrt reizt das Ensemble zu großer Spielfreude. Esther Keil (die alte Millerin) springt kurzfristig zur Premiere sogar in die Rolle der Lady Milford, die zwischen Kerzenlüstern im Glitzerkleid herumstöckelt und von ihren Gefühlen zu Ferdinand gepeinigt und geläutert wird. Das macht sie ganz klasse. Ebenso wie Helen Wendt und Cornelius Gebert, die viele Facetten bis zum Kuss unterm Schleier mitreißend ehrlich ausspielen. Joachim Henschke ist als alter Miller ein Mann von Herz und Prinzipien, Felix Banholzer ein fies sympathischer Wurm im Glitzeranzug, ebenfalls mit Misbaha. Bruno Winzen spielt den Präsidenten im Karo-Sakko und mit Understatement.

Wenn Gehrt den zweiten Teil mit einigen merkwürdig verfremdenden, auch musikalischen Einfällen gen Regietheater kämmt und die Vater-Sohn-Versöhnung ausspart, bezeugt er Ambition. Dabei hat das der Abend gar nicht nötig.

Kabale und Liebe, knapp drei Stunden mit einer Pause. Vorstellungen am 5., 16., 21. April, 13., 18. Mai, 15., 24., 29. Juni, jeweils 19.30 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 02166 6151100 und auf www.theater-kr-mg.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mönchengladbach: Liebe zwischen allen Stühlen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.