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Mönchengladbach
Literarischer Sommer: Wasser im Krug

Mönchengladbach. Michael Kleeberg liest aus seinem Roman "Vaterjahre": Schwere Kost um einen deutschen Jedermann am 11. September. Von Armin Kaumanns

Michael Kleeberg hat viele Lachfältchen. Er sitzt im Sommersakko auf der kleinen Bühne der Stadtbibliothek und schaut in sehr zahlreiche - blasse wie sonnengebräunte - Gesichter. Das Publikum plaudert noch, manche trinken Wein, andere nicht. Auf dem Podium ein Tisch, ein Wasserkrug, ein Mikrophon. Kleeberg nimmt ein halbes Glas Weißwein zum einleitenden Gespräch mit Maren Jungclaus vom Literaturbüro in Düsseldorf. Man ist gespannt, was dieser Mittfünfziger mit randloser Brille, dunklem Resthaar und kurzem Unterlippenbart dem Publikum zu sagen hat. Immerhin ist er der aktuelle Preisträger der Hölderlin-Stadt Bad Homburg auf der Höhe.

Vom Ehrgeiz seines Romans "Vaterjahre", die Fortsetzung der deutschen Jedermann-Geschichte "Karlmann", erzählt Kleeberg so locker wie dezidiert. Er bemüht Thomas Manns Wort der "Lesehingabe", verweist auf Richard Wagners unendliche Melodie und seine Idee, einen Roman quasi ohne Handlung zu schreiben. Charly (Karlmann), die Hauptfigur, erlebt die beiden Tage um den 11. September 2001 unter dem Eindruck der bevorstehenden Tötung des kranken Familienhundes - und die rund 1000 Seiten des Romans kreisen um die Reflektionen der Personen, die Abschweifungen des allwissenden Erzählers und die Widerstände der Erzählebenen untereinander.

Michael Kleeberg liest einige Episoden, die ein Schlaglicht werfen auf die virtuose Erzähltechnik der sich durchdringenden Ebenen. Und der in Hamburg lebende Schriftsteller und Übersetzer verleiht mit wenigen, fast theatralen Gesten und einer fein abgestuften Sprechstimme den Satz-Ungetümen hohe Plastizität. Die Banalitäten im Alltag des Familienmenschen, des Kumpels und erfolgreichen Brokers brechen sich im Kosmos der Sprache und der literarischen Formen. Und Tod und Welt-Katastrophe lauern hinter jeder Pointe, hinter jedem Blick in die Skurrilität des Normalen, jeder ironischen Wendung, jedem historischen Rückblick, hinter jedem Gedanken.

Kleebergs Text kann amüsieren, verstören, berühren. Für den Strandkorb scheint das Buch zu schwergewichtig, gleichwohl applaudiert das Publikum begeistert dem sympathischen Intellektuellen, der im Rahmen des "Literarischen Sommers" den Weg an die Blücherstraße fand. Fragen wollte es nicht stellen. Das Buch "Vaterjahre" jedoch ging später reichlich über den Ladentisch. Und die Gespräche nach der Lesung verliefen angeregt.

Tipp: Die dritte und letzte Lesung im Rahmen des Literarischen Sommers ist am Mittwoch, 12. August, im Theatercafé Linol. Um 19.30 Uhr liest Schauspieler Ronny Tomiska als zweiter Teil einer Ring-Lesung aus dem Mammut-Roman "Das Büro" des niederländischen Schriftstellers J. J. Voskuil.

Quelle: RP
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