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Mönchengladbach
Lombardini-Trio trat beim Rheydter Musiksommer auf

Mönchengladbach. Stellen Sie sich ein Münchener Wohnzimmer im Jahr 1905 vor. Hier echter Biedermeier, dort historisierende pseudo-barocke Schränke und Vitrinen mit buntem Glas und Porzellan, hier Jugendstil - frisch vom Ausstatter -, dort Volkskunst, etwas Folklore. Und viel Draperie, reichlich Plüsch. All das getaucht in ein schimmernd-leises Dunkel - hohe Decken, handwerklich hochwertige Innenarchitektur. Etwas über-möbliert, oder? Von Christian Oscar Gazsi Laki

Wer eine solche Stimmung erleben wollte, war in der Rheydter Hauptkirche genau richtig. Allerdings nicht für eine Ausstellung über Wohnkultur der Jahrhundertwende. Es ging um Musik, genauer gesagt um ein Konzert des Rheydter Musiksommers mit dem Lombardini-Trio. Noch genauer gesagt um Streichtrios, einer schmählich vernachlässigten Gattung.

Aber zurück zum Münchener Wohnzimmer, denn genau jene Stimmung transportierte das zentrale Werk dieses Abends. Reger sei "über-möbliert" - ja, so könnte man es nennen, so wie Wolfgang Rihms Verdikt über Regers Musik. Doch wieso sagen wir nicht einfach - herrliche Fin-de-Siècle-Stimmung! Und genau das steckt in Max Regers Trio a-moll op.77b aus seiner Münchner Zeit. Allerdings ist dieses Werk bei weitem nicht so "überladen" wie man es Regers' Musik nachsagt. Vielmehr staffierte er dieses sehr intime Stück Musik, um beim Bild des Wohnzimmers zu bleiben, zwar mit so mancherlei "Möbeln" - gerne etwas Neo-Brahms, hier etwas Neo-Mozart, dort etwas Neo-Haydn gar und ganz viel barockisierende Anmutungen aus. Und ja Bach, gewiss, "denn jener sei Anfang und Ende aller Musik", wie Reger einmal sagte. Doch den drei Streichern, Eva Dörnenburg (Violine), Hartmut Frank (Viola) und Christian Brunnert, Cello, gelang auf äußerst anrührende Weise, diese Musik von Spinnweben zwischen dem Stuck und hinter der Neorokokokommode zu befreien.

Alle drei spielen einen leidenschaftlichen Ton, wobei besonders der exquisite Klang von Brunnerts Cello-Spiel hervorzuheben ist. Zusammen formten sie einen menschlichen, nicht auf Hochglanz und Sterilität getünchten Zugang - auch zu den stil-reinen Werken des Abends: einer sympathisch feingliedrigen Bearbeitung von Bachs BWV 988, den "Goldberg-Variationen" durch den russischen Geiger und Dirigenten Dmitri Sitkowetski für Streichtrio und nicht zuletzt Beethovens op.9 Nr.3. Seinem frühen Trio in c-moll, das den Schlusspunkt des Konzertes bildete, wirkte gleichsam wie das Aufreißen aller Fenster. Sprühend vor Lebensenergie widmete sich der am Startpunkt seiner Karriere befindliche Endzwanziger, der von Mozart inspirierten Form.

Diese Energie transportierte das Lombardini-Trio mit durchaus romantisierenden, aber frei atmendem Impetus. Den Bogen schloss man feinsinnig mit einer Bach-Zugabe und honorierte so den Dank des Publikums.

Quelle: RP
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