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Mönchengladbach
Michael Preiser ist der Archäologe unter den Kapellmeistern

Mönchengladbach. Der Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Theater Krefeld/Mönchengladbach hat ein Faible für das Ausgraben vergessener und unbekannter Kompositionen. Von Mojo Mendiola

Dass die Musik seinen Lebensweg bestimmen würde, war Michael Preiser von Anfang an klar. "Als kleiner Junge wollte ich unbedingt Komponist werden", erzählt er. Die Hochschule für Musik in Detmold, die Hochschule Hanns-Eisler in Berlin und die Folkwang-Hochschule in Essen sahen ihn als Student, und Preiser schloss mit dem Konzertexamen im Fach Klavier und dem Kapellmeister-Diplom ab. Von seinen zahlreichen namhaften Lehrern erinnert sich der ist Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Theater Krefeld/Mönchengladbach besonders gern an Igor Shukov und dessen Meisterkurse.

Als Triebfeder seiner musikalischen Entwicklung wirkte schon früh sein Entdeckerdrang für Vergessenes, Unterschätztes und Übersehenes. So wählte er für sein Konzertexamen das gern gemiedene, gut 60 Minuten lange Klavierkonzert in h-Moll von Wilhelm Furtwängler.

Mit den Orchestern des Théâtre National Du Luxembourg und des Aalto-Theaters in Essen studierte er Opern der beiden Zeitgenossen Kamille Kerger und Christian Jost ein, bei Konzerten in St.-Martin's-in-the-Fields in London und beim Klavierfestival Ruhr brillierte er mit Werken des fast vergessenen Nikolaj Medtner, eines Freundes Rachmaninows.

Ähnlich verfuhr und verfährt er ebenso als Chor- und Orchesterleiter, zum Beispiel mit dem Oratorienchor der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, dem Konzertchor Bielefeld, der Orchesterakademie Nordrhein-Westfalen und dem Niederrheinischen Kammerorchester Moers. "Ich mache gern Werke der Gegenwart bekannt", erklärt Preiser, der auch die Arrangements für die Uraufführung von "Wär' nur die Sehnsucht nicht so groß" 2015 am Theater Krefeld und Mönchengladbach schuf.

"In Musikbibliotheken zieht es mich allerdings immer dahin, wo die dickste Staubschicht liegt. Darunter liegen oft die schönsten Schätze", schmunzelt er. "Die Sache ist nur, dass die alten Schriften für heutige Musiker kaum lesbar sind. Das hat viele Gründe, denn selbst physisch intakte Papiere stecken voller Tücken. Da werden Schlüssel verwendet, die nicht mehr gebräuchlich sind, da gibt es Unstimmigkeiten in eilig gefertigten Abschriften, da sind Continuo-Stimmen nicht ausgesetzt und so weiter. Um so ein Opus zu rekonstruieren, braucht man musikhistorische Kenntnisse, muss sich in die persönliche Stilistik des Komponisten einfinden und mit detektivischem Spürsinn klären, ob eine Note tatsächlich dahin gehört, wo sie zu stehen scheint, oder sich von der Rückseite eines beidseitig beschriebenen Blattes durchgesuppt hat. Und solch einem Stück dann nach mehreren hundert Jahren Dornröschenschlaf wieder klingendes Leben einzuhauchen, das bereitet mir ungeheures Vergnügen."

Ein schönes Paradestück für diesen quasi archäologischen Arbeitszweig lieferte Preiser zuletzt mit dem Repertoire von Charlotte Schäfers Debüt-CD "Sol Nascente" ab. Da kam ihm auch seine Vorliebe für Gesangsliteratur zustatten. Aus einem Fundus von 400 italienischen Koloraturarien machte er Juwelen von Jommelli, Traetta, Sarti und Piccinni wieder singbar und erarbeitete als künstlerischer Leiter und Dirigent mit der "Neuen Düsseldorfer Hofmusik", einem handverlesenen Frühklassik-Spezialisten-Orchester, einen herrlichen Klangrahmen für die Sopranistin.

Quelle: RP
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