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Mönchengladbach
Pinocchio - rundherum liebevoll

Mönchengladbach. Für ihre Ballett-Adaption von Carlo Collodis Klassiker wählen Robert North und André Parfenov eine ganz individuelle Fokussierung. Das sorgte bei der Uraufführung auf der großen Bühne für Begeisterung bei Jung und Alt. Von Christian Oscar Gazsi Laki

Pinocchio inspirierte im Laufe der Geschichte viele - auch szenische - Adaptionen. Zurecht, denn ist Carlo Collodis im späten 19. Jahrhundert entstandene Geschichte über die Menschwerdung einer Holzpuppe nicht nur perfekt geschaffen, um zu Herzen gehende Bilder zu kreieren, sondern auch eine ideale Projektionsfläche für Reflexion. Die Vielschichtigkeit des Stoffes bietet zahllose Zugangsmöglichkeiten.

Für ihre Ballett-Adaption, deren Uraufführung auf der großen Bühne in Mönchengladbach für Begeisterung bei Jung und Alt sorgte, wählten Robert North und Komponist André Parfenov eine ganz individuelle Fokussierung. Individuell, da einerseits frei mit der Vorlage arbeitend, individuell, da auf die Ebene der Emotionen zielend, durch eine - auch musikalisch - ausgesprochen abwechslungsreiche Ästhetik. Norths Pinocchio ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Verunsicherung und Mut, Sehnsucht und Erfüllung, und nicht zuletzt rundherum liebevoll.

Das Liebevolle - durch eine sehr feinfühlige szenische Gestaltung und detailverliebte, tänzerische, emotionale Illustration - auch dramaturgisch, durch Regina Härtling, auf diesen Fluchtpunkt hin gestaltet, durchströmte das gesamte Werk. Man verzichtete auf kantigere Aspekte der Originalvorlage. Ohnehin geht es mehr um das Innerliche als um die äußeren Details.

Udo Hesses Bühne und Kostüme sparen nicht an Details, ausgesprochen poetisch gestalten sich die Szenerie und die geschmackvollen Kostüme. Auf einer Empore - ähnlich einem Zirkus - postiert sich das musikalische Ensemble. Im vorderen Bereich wird einfallsreich mit multifunktional einsetzbaren Requisiten gespielt.

Nicht minder stimmig zeigt sich auch die Lichtregie. Der Vorhang verdichtet immer wieder den Blickpunkt auf Kammerspielartiges bis zum vorderen Bühnenrand. Dank der Positionierung der Musiker im hinteren Bereich ertönt der Klang bereits zu Anfang, zauberhaft aus dem Off.

Paolo Franco, ideal als Pinocchio, und dessen "Vater" Geppetto Marco. A Carlucci - um nur zwei stellvertretend für das als Gesamtes inspiriert und bis ins Kleinste gestaltend tanzende Ensemble zu nennen - belebten North und Sheri Cooks (Assistenz) Bewegungssprache auch diesmal mit absoluter Hingabe. Perfekt nuancierte Momente gewürzt mit Witz, auch Sanftmut und nostalgische Gefühle weckender Charme, zeichneten, auch ohne Worte verständlich, die emotionalen Tiefen und Höhen der Figuren. Ensembleszenen blühten vor pulsierender Energie.

Natürlich bedient man sich bewährter Bausteine. Vielleicht ein bisschen Romeo und Julia, dort ein bisschen West Side Story, sogar ein Hauch von der Dreigroschenoper. Natürlich liegen derartige Bezüge im Auge des Betrachters, aber auch Parfenov, der am Flügel sein kompaktes Orchester aus Juliane Münch (Violine), Bläsern und Schlagzeug der Niederrheinischen Sinfoniker furios leitete, nutzte musikalisch ein passend breitgefächertes Vokabular. Ob in Stummfilm-Manier oder zeitgenössisch filmmusikalisch, ob "russisch" oder auch mal nach Bernstein klingend, ob am Rande des Jazz, Tango oder ambiente Untermalung - Parfenov ist ein Komponist, der sich, jeweils das Geschehen kommentierend, immer wieder eine neue Maske aufsetzt. Und gerne mal überrascht.

Die Premiere als Ganzes erwies sich als rundherum gut gefügtes Ballett, im besten Sinne. Ein Besuch kommender Aufführungen lohnt sich - sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

Quelle: RP
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