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Mönchengladbach
Revolution zum Mitsingen

Mönchengladbach. Konstantin Wecker auf "Ohne Warum Tour 2016" im Kunstwerk. Von Armin Kaumanns

Konstantin Wecker ist auch nicht mehr der Jüngste. Das werden die meisten Besucher im gut besetzten Kunstwerk Wickrath mehr oder weniger erleichtert festgestellt haben, schließlich hat die Zeit auch auf den Gesichtern des erstaunlich homogenen Ü55-Publikums ihre Spuren hinterlassen. Aber ganz der Alte ist er noch, der linke Liedermacher, der im Anschluss an die friedensbewegten 70er und 80er eher mit Drogenkarriere und später Vaterschaft von sich reden gemacht hat als mit seinem Liedgut. Heute singt er zwar auch von seinem Bauchspeck, den er auf der Bühne mit Schlabberhemd kaschiert. Oder seinen beiden Söhnen, die die Freude seines Alters zu sein scheinen, auch weil sie Papas Songs am Lagerfeuer vortragen. Nach wie vor aber ist Wecker mit derselben Botschaft unterwegs. Die lautet ziemlich genau folgendermaßen: Das Leben ist schön, aber die Welt ist schlecht; die Reichen sind die Bösen, die Politiker die Dummen, und die Zukunft gehört der Revolution.

Mit zwei alten Weggefährten an Gitarre und Tasteninstrumenten ist der Liedermacher nach Wickrath gekommen. Sowie zwei jungen hübschen Frauen, von denen die eine Cello spielt (das bringt die gefühlige Note ins Arrangement), die andere singt. Und zwar granatenmäßig wie ein Reibeisen. Ihre Janis-Joplin-Soloeinlage reißt von den Sitzen. Die sind allerdings campingstuhlmäßig ungepolstert, von den Kühlschranktemperaturen in der Halle ganz zu schweigen. Das tut der guten Laune aber keinen Abbruch. Denn Wecker kann immer noch sehr verletzlich sanft und mit aus seinem Herzen quellenden Sentiment singen, von der Liebe zu Frauen, zum Leben, zur Freiheit und zu Utopien. Und das wärmt von innen. Seine zwischen romantischer Lyrik und Agitprop mäandernden Texte allerdings sind gewöhnungsbedürftig. Die Sehnsucht nach einer einfachen, selbstbestimmt freien Welt teilen offenbar viele im Publikum, jedenfalls erntet er regelmäßig betätigenden Applaus auf knackige politische Statements zu Themen unserer Tage. Ja, als er mit "Die Gedanken sind frei" zum Mitsingen animiert, zeigen sich seine Fans zunächst äußerst textsicher, später auch willig, den politisch angespitzten Refrain zu wiederholen.

Wecker steht ein für seine Ideale. Seine Songs sind gut gemacht, die Show ist abwechslungsreich rhythmisiert, nach der Pause packt er die große Pathos-Keule raus, da wird es geradezu rockig laut. Wecker hat Spaß, seine Fans haben Spaß. Und holen sich noch mal eine Portion Jugend zurück. Konstantin Weckers Tour heißt "Ohne Warum". Und tatsächlich: Die Frage nach dem Warum muss man nicht unbedingt stellen. Wie singt er doch so schön: Besser denkst Du mit dem Herzen.

Quelle: RP
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