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Helen Donath
Singen - die Massage von innen

Mönchengladbach. Die 75-jährige Kammersängerin aus den USA, die in Gladbach und Krefeld zwei Gastspiele gibt, spricht über ein "glückliches Künstlerleben".

Verehrte Frau Donath, noch vor zwei Jahren haben Sie beim Schleswig-Holstein-Festival öffentlich gesungen, mit über 70. Die meisten Ihrer Kolleginnen und Kollegen haben sich in diesem Alter längst von den Podien und Bühnen zurückgezogen. Wie schaffen Sie es, Ihre Stimme bühnenreif zu erhalten?

Helen Donath Da kommen verschiedene Komponenten, ja glückliche Umstände zusammen. Zunächst habe ich eine sehr gute Ausbildung genossen, mein Lehrer hat mich davor bewahrt, meine Stimme früh zu überlasten. Insofern gab es für mich nach einer kurzen Krise mit 19 Jahren später keine weiteren Probleme in dieser Hinsicht. Und ich hatte besonderes Glück, als ich meinen Mann, den Dirigenten, Pianisten und Sänger Klaus Donath, kennenlernte. Er hat ein fantastisches Gehör und sagt mir genau, wo ich was korrigieren, umgestalten muss. Und ich weiß: Ich habe mit meinem Talent ein Geschenk erhalten, das ich achtsam pflegen muss.

Pflegen Sie Ihre Stimme durch tägliche Stimmbildungsübungen?

Donath Selbstverständlich. Aber wesentlicher für die Gesunderhaltung der Resonanzräume und -funktionen ist die grundsätzliche Einstellung zum Leben. Ich lege den Schwerpunkt des Trainings auf natürliche Abläufe des Körpers. Technik ist nicht alles, sie muss befreiend eingesetzt werden, der Kopf darf den Singprozess nicht dominieren. Denken Sie an die Innenausstattung eines Hauses, in dem Sie sich wohlfühlen wollen. Das gestalten Sie am besten ausgewogen im Gleichgewicht der Waagschalen Herz und Verstand.

Sie plädieren also, mit Bezug auf Jean-Jacques Rousseau, für ein "Zurück zur Natur"?

Donath So kann man es formulieren. Aber den Verstand darf man beim Singen nun auch nicht ausschalten. So ist es für den Sänger eminent wichtig, dass er den Text, den er vortragen will, genau versteht und bis in die Tiefenschichten durchdringt. Wir haben auf der Opernbühne Rollen, wir erzählen beim Singen Geschichten. Nicht mechanisch, sondern als Individuen.

Und nun werden Sie demnächst schon zum zweiten Mal am Theater Krefeld/Mönchengladbach einen Meisterkurs für die Mitglieder des hiesigen Opernstudios Niederrhein geben.

Donath Das wird gleich in den Tagen nach den beiden Konzertabenden geschehen, darauf freue ich mich schon sehr. Dabei versuche ich, mein gelebtes Leben, das durch meine ganze Persönlichkeit schwingt, an junge Sängerinnen und Sänger zu vermitteln. Weil ich das Singen liebe, versuche ich anderen zu helfen, dass auch sie dieses Gefühl entwickeln.

Klingt nach einer Art Philosophie des Singens.

Donath Es ist auch eine Therapie. Das Gesündeste, das wir für unseren Körper tun können, ist Singen! Denn Singen bedeutet eine Massage von innen, durchaus vergleichbar mit physiotherapeutischen Maßnahmen bei Sportlern, bei denen verspannte Muskeln von außen gelockert werden müssen.

Erläutern Sie das, bitte!

Donath Die schwingende Luftsäule des Atems hat nachweislich gesunde Auswirkungen auf das körperliche und seelische Befinden, Organe und Weichteile werden so gründlich massiert. Ich persönlich, geboren und aufgewachsen im sonnigen Texas, habe früher oft unter dem nasskalten Wetter hierzulande gelitten. Aber selbst meine empfindlichen Bronchien konnte ich durch Singen wieder stabilisieren. Von innen und weitgehend ohne Medikamente.

Sie haben in 50 Jahren sehr viele Rollen auf der Bühne verkörpert, verfügen über ein riesiges Repertoire an Liedern und im kirchenmusikalischen Bereich. Welche Partien sind Ihnen als Ihre liebsten in Erinnerung geblieben?

Donath Alles, was ich jemals über meine Stimmbänder in Schwingung versetzen konnte, war für mich ein Genuss, hoffentlich auch für mein Publikum. Es ist die Liebe zum Singen, die mich für eine jeweils anstehende Aufgabe begeistert.

Was erwartet die Besucher am 10. Oktober im Konzertsaal des Theaters Mönchengladbach und am 11. Oktober in Krefeld?

Donath Es erwartet sie unser beider Leben, das glückliche Künstlerleben von Klaus und Helen Donath, gesungen und gesprochen. Wir nehmen das Publikum mit auf eine sehr persönliche Reise zu vielen Stationen dieses Künstlerlebens.

Von Ihnen wird berichtet, dass Sie bei der Textarbeit von Gesangspartien detailversessen sind. Immer wieder probieren Sie aus, um gesungene Texte adäquat klingen zu lassen.

Donath Das stimmt. Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das Lied "Das Veilchen" nach Goethes Gedicht von Mozart. Die beiden Wörter über drei Silben, "ein Veilchen", habe ich einmal zusammen mit Klaus am Klavier eine geschlagene Stunde lang immer wieder probiert und variiert. Das Ziel: ein natürlicher Tonfall, der unaffektiert klingt, trotzdem höchsten künstlerischen Ausdruck erreicht. Als Liebhaberin von Sprachen finde ich es sehr wichtig, beim Singen den bestmöglichen Duktus zu verwirklichen.

Mögen Sie alle Arten von Gesang, vom barocken Lautenlied und der geistlichen Motette über Arien, Oratorien bis hin zu neuzeitlichen Gesängen und Jazz?

Donath Singen muss bei mir immer mit dem harmonischen Schwingen von Klangwellen zu tun haben. Dann kann ich ihm, unabhängig vom musikalischen Stil, viel abgewinnen. Für den Sprechgesang Rap zum Beispiel habe ich weniger übrig.

DIRK RICHERDT FÜHRTE DAS INTERVIEW. AM SAMSTAG, 10. OKTOBER, 18 UHR, IST IM KONZERTSAAL DES THEATERS DAS GASTSPIEL MIT HELEN UND KLAUS DONATH. DIE TICKETS KOSTEN 20 EURO.

Quelle: RP
 
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