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Mönchengladbach
Star Wars mit Sonnenbrille

Mönchengladbach. Niels Coppens, Atelierstipendiat der Stadt aus Belgien, euphorisiert das leerstehende Hotel Oberstadt mit seinem "Dynamic flow". In den nächsten drei Monaten kann in dem kommerzfreien Raum viel passieren. Gestern war Tag eins. Von Armin Kaumanns

Gegenüber von SinnLeffers ist sonntagnachmittags normalerweise tote Hose. Auch bei Sommer und Sonne verlieren sich allenfalls ein paar Kühlung-Suchende vom Alten Markt zum Joghurt-Eisgeschäft neben der Chinabude. Gestern wimmelte es allerdings ein paar Häuser abwärts, da wo Leerstand um Leerstand die Einkaufsmeile perforiert, im Basement des Hotel Oberstadt. Junge Leute hocken auf Korbstühlen und Couchtischen auf dem Pflaster zusammen, quatschen und trinken was. Vorm Haupteingang des Textil-Filialisten grillt eine demonstrative Kuscheldecke in der Sonne. Drinnen sind Wände, Decke, Boden schwarz gestrichen, im Fenster stehen Sperrmüll-Sitzmöbel mit 50er-Jahre Flair, auf denen ein paar Besucher lesen, chillen. Musik quillt aus dem großen schwarzen Loch, das einmal eine Hotel-Lobby war. Star Wars in der Blackbox. Die CD hat irgendjemand mitgebracht.

Niels Coppens hat die Ruhe weg. Der aktuelle Atelierstipendiat der Stadt, den die Josef-und-Hilde-Wilberz-Stiftung für ein halbes Jahr mit Geld zum Leben, einem Dach überm Kopf und einem Budget für seine Projekte ausstattet, hat hier in den ihm von der EWMG zum Kunstprojekt überlassenen Räumlichkeiten zwar eine Vielzahl von Projekten laufen. Weit hinten im Raum gibt's kühle Getränke vom selbstgebauten Bartresen; ein Trupp mit Stehleiter verlegt schnell noch ein paar Stromkabel unter der Decke; rechts entsteht gerade eine Sitzecke mit Sonnenschirm und Ohrensessel; vorn experimentieren Video-Freaks mit Beamer und an die Wand gehefteten weißen Plakaten.

Auf Fragen antwortet der Mann in T-Shirt und Jeans dennoch gelassen und ausführlich: "Wichtig ist nicht, was wir tun, sondern das Wie." Denn Grundlage seiner "Social art" ist, im Zentrum von Mönchengladbachs Altstadt - wie schon zuvor überaus erfolgreich und nachhaltig in Brüssel - Prozesse in Gang zu setzen, Kreative zusammenzubringen. "Wir bieten eine Basis für Leute, die sonst keinen Ort haben", umschreibt er sein Konzept vom Anregen und seine Funktion als Katalysator. Nur wenige Regeln gestalten das Miteinander, das vom Saftpressen bis zum Punk-Konzert reicht: "Die Dynamik ist das Wesentliche."

Zur Eröffnung lassen sich neben Neugierigen und Passanten auch Künstler und die Museumsleiterin blicken. Susanne Titz hat Coppens bei einer Stadtbegehung das Hotel Oberstadt schmackhaft gemacht. Schon Hans Hollein hatte ja seinen Museumsbau über dieses Grundstück zum Markt verbinden wollen, Coppens Projekt vom sozialen (Kunst-)Raum weist die gleiche Richtung. Was dem Künstler wichtig ist: einen Raum zu schaffen ohne Kommerz. Zu den regelmäßigen Treffen und den Events an den kommenden Freitagabenden sind die Getränke frei, aber die Gäste sollen wie zur Bottle-Party Nachschub mitbringen. Oder etwas zu essen - im Stil einer "Auberge espagnole". An den Treffs kann alles passieren: Poesie, Film, Kunstaktion, Musik. Zurzeit hat Coppens drei Programm-Gruppen initiiert, die selbstständig Pläne entwerfen und umsetzen. Wenn er, wie in Brüssel, diesen Ort eines Tages verlassen wird, sollen die Prozesse ohne ihn weiterlaufen.

Irgendwo in einer hinteren Ecke liegt ein Strandlaken auf dem Boden, darauf eine Sonnenbrille. Ein paar Pflanzen lehnen auf Baumstämmen an der Wand. Im Ladenlokal nebenan liegen bunte Luftballons neben Apfelsinen und Bananen - hier wird am Abend Saft gepresst. Die schwarz gekleideten Jungs der Punk-Band "Jake & The Jellyfish" schleppen Instrumente und Verstärker in die Hotellobby. Auf einem Bücherregal lehnt Stephen King's "The Stand" an "Generation doof".

Quelle: RP
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