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Mönchengladbach
Süßes auf der Zunge im Konzert

Mönchengladbach. Bei der 10. Gladbacher Nachtmusik kosteten die Zuhörer in der Citykirche verschiedene Schokoladensorten zur Musik. Von Dirk Richerdt

In einem ovalen Schälchen liegen sie vor mir, Objekte meiner Begierde: ein Dutzend Stückchen Schokolade. Von unterschiedlicher Farbe und Geschmacksrichtung. Die Einnahme hat Miro Dobrowolny (56) zum Kehraus der 10. Gladbacher Nachtmusik verordnet. In vorgeschriebener Reihenfolge zu kosten, warten die Leckereien auf Beförderung in den Mund. "Lassen Sie die Stückchen langsam im Mund zergehen", mahnt Dobrowolny die 80 Probanden der Live-Studie in Synästhesie: Diese soll zeigen, wie Geschmack und Gehör zusammenwirken können.

Die Genussfolge beginnt mit "Zartbitter". So hat Johannes Sandberger (53) sein Stück für Violine, Cello und Klavier betitelt. Gibt es Verbindungen zwischen dem wohligen Geschmack mit feinherber Note und den Klangtupfern von Theodor Pauß (Klavier) sowie den darüber feine Klangfolien spannenden Martin Schminke (Violine) und Othello Liesmann (Cello)? Nein, urteilt meine innere Stimme. Den Schokogeschmack behalte ich länger im Gedächtnis als die Musik. Es folgt ein höherer Süßegrad: "Amarettini" hat Christian Kram seinen Beitrag zur musikalischen Degustation in der achtteiligen Stückfolge genannt. Ich koste das Stück gefüllter Schokolade. Auch lecker.

Das Problem des Experiments: Manche Komponisten haben einen Satz, andere mehrere geschrieben. Da bin ich mit dem kompletten Schoko-Dargebot schon durch, als das fünfte von acht Werken beginnt. Bin also aus dem Rhythmus geraten. Oder Opfer meiner Begierde auf Süßes geworden? Ich finde Brechts Urteil bestätigt: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Ob das die acht Komponisten nicht gewusst haben, die die Schokolade spendiert haben?

"Denk ich an Deutschland. . ." hat der Gladbacher Komponist und Dirigent Miro Dobrowolny die Jubiläums-Nachtmusik in der Citykirche überschrieben. Mit imposantem Instrumentarium wartete im ersten Abschnitt des dreiteiligen Abends das 14-köpfige Kammerorchester ART Ensemble NRW auf. Hingebungsvoll spielten sie, präzise von Dobrowolny angeleitet, drei Uraufführungen von Christoph Theiler (Wien), Erik Janson (Neuss) und Dobrowolny. Zeitgenössische Musik mit Finessen einer freien, schrillen Tonalität und komplexen Rhythmik.

Vertrauter der Mittelteil: Hier passt der Heine'sche Konzerttitel. Altpropst Albert Damblon rezitiert "Nachtgedanken", das berühmte Opus politischer Lyrik des Düsseldorfer Dichters, nachdem das Chorstudio MG die bundesdeutsche Nationalhymne angestimmt hat. Das Chorstudio singt auch die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen". Ein wunderschönes Lied, das den Vergleich mit der westdeutschen Hymne nicht zu scheuen braucht. Und, das zeigte der Chorvortrag, die Texte und Melodien der beiden Hymnen lassen sich problemlos austauschen. Dies zu entdecken war viel schöner als jede Schokolade.

Quelle: RP
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