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Mönchengladbach
Tänzer und Läufer im Museum

Mönchengladbach. Jede Ausstellung hat es verdient, beachtet und betrachtet zu werden. Diese allerdings besonders. Denn die Sommerpräsentation "Von den Strömen der Stadt" im Museum Abteiberg zeigt eine ganz neue Art von Kunst - gemacht von sehr jungen Künstlern, die sich auf überraschende Weise mit Öffentlichkeit und Raum auseinandersetzen. Gehen Sie hin - und lassen Sie sich darauf ein. Lohnt sich! Von Inge Schnettler

Palina Vetter ist ganz still. Wenn die junge, zartgliedrige Frau auf bloßen Füßen im schwarzen Sportdress durch das Museum schreitet, blickt sie unverwandt geradeaus, sie redet nicht, sie steuert unbeirrt ihr Ziel an - die Poledance-Stange vor den unteren Kleeblatträumen. Sie windet sich hinauf, bringt ihren Körper in Position und verharrt für eine kurze Weile in dieser. Jeden Tag tut sie das - zwei Stunden lang, in regelmäßigen Abständen. Nur montags hat Palina Vetter frei, dann hat das Museum geschlossen. Ansonsten wird sie ihre Performance durchhalten bis zum Ende der Ausstellung am 23. Oktober.

Während der Ausstellungseröffnung gab es zunächst noch irritierte Blicke, als sich die spärlich bekleidete Künstlerin ihren Weg durch die Besucherscharen suchte. Dann - nach mehreren Auftritten - verschmolz sie mit der Ausstellung "Aus den Strömen der Stadt". Ihr Körper wurde tatsächlich zum Artefakt. Palina Vetter gehört zu den ganz jungen Künstlern, die dieser Ausstellung das besondere Gesicht geben.

Museumsdirektorin Susanne Titz und der Düsseldorfer Kurator Markus Ambach hatten anderes erwartet, als sie die Künstler baten, sich mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum auseinanderzusetzen. Sie gingen nicht mit ihren Werken auf Plätze und in Parks, sie holten die Öffentlichkeit in die Museumsräume - auf ihre Art, mit ihren Medien. Palina Vetters stille Performance ist Teil der Öffentlichkeit, sie lässt die Öffentlichkeit zu, braucht sie sogar - sie bedingen sich.

Isabella Fürnkäs und Lukas von der Gracht machen einen Höllenlärm. Sie rennen, sie stöhnen, sie schreien, es findet kein Ende. Der vertikal zweigeteilte Bildschirm (der auch an einer Art Poledance-Stange befestigt ist) zeigt sie in der rechten Hälfte, ihn in der linken. Warum laufen sie? Wovor laufen sie weg? Werden sie verfolgt? Warum helfen sie sich nicht gegenseitig? Oder laufen sie gar voreinander weg? Oder hintereinander her?

Zugegeben, Generationen, die nicht mit Videospielen vertraut sind, werden nicht gleich drauf kommen. Die Multimediakünstler nehmen mit ihrer selbstreflektierenden Dauer-Performance Bezug auf Games. Allerdings tragen die beiden keine Waffen, sie zielen nicht aufeinander oder andere, bauen keine Städte oder springen von einer Plattform zur nächsten - sie rennen und rennen einfach nur. Ungewöhnlich ist ihre Perspektive: Nicht von hinten sind sie zu sehen, von der Seite oder oben. Die beiden Künstler laufen immer Richtung Betrachter, offenbaren diesem dabei ihr Gesicht.

Wenngleich Isabella Fürnkäs und Lukas von der Gracht in einzelnen Sequenzen ziemlich bedrohlich wirken - auch durch ihre kriegerische Gesichtsbemalung -, böse sind sie nicht. In gewisser Weise möchte der Betrachter ihnen helfen, ihnen in ihrer misslichen Lage beistehen. Aber das geht nicht, es gilt also, das Geschehen auszuhalten - und zwar bis zum Schluss.

Die Rheinische Post wird die einzelnen Positionen der Ausstellung in Bild und Text vorstellen. In der kommenden Woche geht es weiter.

Quelle: RP
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