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Von Den Strömen Der Stadt (6)
The Wall of Wall Street

Mönchengladbach. Felix Kalmensons digitale Wand ist ein Spiegel des Kapitalismus. Von Ludwig Krause

Karl-Heinz Rummenigge hat es getan. Ivanka Trump hat es getan. Und Snoopy auch. Was muss das für ein Gefühl sein, einmal dort zu stehen, die Glocke zu läuten? New Yorker Börse, Wall Street. Offenbar ein ziemlich großes, zumindest kommen die Menschen aus dem Klatschen nicht mehr heraus. Stunden-, tage-, wochenlang. Felix Kalmenson hat sie in Reihe geschaltet. Auf seiner Medienwand, einer der zentralen Installationen in der Wechselausstellung "Von den Strömen der Stadt" des Museums Abteiberg. "A Year in Revenue" hat er sein Werk genannt.

Der Besucher steigt auf ein Podest, als ob er selbst dazu ansetzen würde, die Börse zu eröffnen. Manch einen im Museum, so hat man das Gefühl, kostet dieser Schritt allein schon ein wenig Überwindung. Dann aber schaut er auf die Tausende von Gesichter, ihre Grimassen. Die zuckenden und bunten Figuren verwischen zu einem Gesamtrauschen des Kapitalismus, wie ein Spiegel hält Kalmenson die Medienwand dem Betrachter vor. 14 Bildschirme, 504 Szenen in Endlosschleife. Genau wie das Ringen der Glocke, das sich zu einem einzigen Ton hinzieht.

Wer vom Podest heruntersteigt und einige Schritte auf die Wand zugeht, kann sie sehen: die Stolzen und die Schüchternen. Manche recken den Arm in die Luft, andere hüpfen und lachen. Und wieder andere halten diesen, ihren, Moment für einen wahrhaft historischen, dementsprechend staatstragend reagieren sie. Das große Rauschen aber wird auch dann nicht kleiner.

Wie ein Archäologe dokumentiert Kalmenson den Wandel der Wall Street. Will zeigen, wie sich die Finanzwelt selbst dematerialisiert im Zeichen des digitalen Wandels - um unter den Vorzeichen des Kapitalismus immer schneller, besser, weiter und höher kommen zu müssen. Längst ersetzen Algorithmen die Händler auf dem Parkett, die gesamte Infrastruktur dient den Datenströmen. Unendliche Ströme, von denen sich mittlerweile kaum einer mehr ein Bild machen kann.

Felix Kalmensons Werk gliedert sich in mehrere Installationen, die Medienwand ist nur eine davon. Dazu gehören auch die Liveübertragung einer Webcam von der Wall Street - und die Nachbildung einer Sahnetorte. Eben jene, die beim Start von Globex 1992 angeschnitten wurde, der damals ersten "Electronic Trading"-Plattform ihrer Art.

Archäologen dokumentieren Vergangenes. Kalmenson arbeitet wie ein Archäologe. Was sagt er damit über den Kapitalismus?

Quelle: RP
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