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Mönchengladbach
Über geheime Fluchtwege ins Kino

Mönchengladbach. Magdlen Gerhards hat Kindheitserinnerungen vieler Mönchengladbacher aus der Kriegs- und Nachkriegzeit zu einem Heimatbuch zusammengestellt. Zum Beispiel, als sie zum ersten Mal James Dean auf der Leinwand sahen. Von Angela Rietdorf

Zuerst faszinieren die Fotos: Aufnahmen aus den 40er und 50er Jahren, Hochzeitsfotos mit Männern in Uniform, Kinder auf dem Dreirad oder im Kindergarten, Klassenfotos von 1949, Bilder der zerstörten Innenstädte und des Wiederaufbaus. Ernste Konfirmandinnen in schwarzen Kleidern blicken in die Kamera, auch in der Badeanstalt ist man wesentlich angezogener als heute. Zum Abschlussball der Tanzschule haben sich alle fein gemacht, im Eulennest in Rheydt wird gejazzt.

Mit Bildern und vielen Geschichten lässt Magdlen Gerhards die Kinder- und Jugendzeit der heute über 60-Jährigen wieder lebendig werden. Beginnend in den Kriegsjahren finden sich die Erinnerungen der Kinder aus Gladbach, Rheydt und Wickrath, in der Familie überlieferte Begebenheiten, aber auch Beschreibungen von der Entstehung des JHQs oder des Wiederaufbaus der Rheydter Innenstadt.

Es sind die kleinen Begebenheiten, die das Lebensgefühl jener Zeit wachrufen und verständlich machen: Geschichten von Hamsterfahrten in die Umgebung trotz nächtlicher Ausgangssperre, vom Kohlen- und Kartoffelklau, vom Kampf gegen die allgegenwärtigen Läuse. Die Kinder spielten auf Trümmergrundstücken, holten das Pulver aus gefundener Munition heraus und ließen es explodieren. "Ein Wunder war, dass keinem der Jungen etwas Ernsthaftes passierte, lediglich ein paar Härchen wurden abgeflemmt." Die Schulen öffneten wieder, aber die Lehrer führten oft ein sehr strenges Regiment.

So in der Schule an der Knopsstraße im Westend, wo ein besonders rabiater Lehrer mit dem Spitznamen Struppi überaus gern vom Stock Gebrauch machte. Eines Tages aber stand eine Mutter, deren Kind ständig blau geprügelt wurde, mit einem Schirm bewaffnet im Klassenzimmer, erinnert sich eine Schülerin. "Ohne einen Ton zu sagen schlug die Frau auf den verhassten Lehrer ein. Das half. Danach hielt er sich etwas zurück." Kino und Musik bringen die große weite Welt nach Gladbach, aber die Jugendlichen dürfen nicht ins Kino oder können es nicht bezahlen. Der damals 16-jährige Wilhelm hat Glück: Er schleicht durch im Krieg angelegte Fluchtwege und unterirdische Durchgänge ins Kino an der Bahnhofstraße und sieht James Dean im legendären Film "Jenseits von Eden". Auch die Musikwelle schwappt nach Mönchengladbach, und im Rheydter Eulennest oder im Kabuff an der Waldhausener Straße wird getanzt und gejazzt. "Aufgewachsen in Mönchengladbach (Rheydt und Wickrath) in den 40er und 50er Jahren" heißt der liebevolle Blick zurück, den Magdlen Gerhards zusammengestellt hat. Für Gladbacher, die in dieser Zeit groß geworden sind, aber auch für ihre Kinder und Enkel eine spannende Lektüre. Es ist allerdings schade, dass nicht erklärt wird, wie die Geschichtensammlung zustande gekommen ist und wer dazu beigetragen hat. Auch Ungenauigkeiten wie die Verwechslung der Hauptpfarrkirche mit der Hauptkirche (beim Fall Helpenstein) sind unnötig, werden das Vergnügen des Entdeckens oder Wiedererkennens allerdings nicht dauerhaft beeinträchtigen.

Das Buch ist im Wartberg Verlag erschienen und kostet 12,90 Euro.

Quelle: RP
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