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Serie Denkanstoß
Vom Kopf ins Herz gerutscht

Mönchengladbach. Sind Sie auch schon mal von Ihren eigenen Worten eingeholt worden? Mir ist das mit meinem letzten Denkanstoß so passiert. Erschienen am 1. April, beschäftigte er sich mit Lukas 24. Die Emmaus-Geschichte erzählt davon, wie der gekreuzigte Jesus von Nazareth heute lebt und sich mitten unter die Menschen mischt. Meine Formulierung war: "Ich bin sicher, es gibt viele Situationen, in denen der Auferstandene mit uns unterwegs ist... dann, wenn uns ein Wildfremder begegnet und sich daraus etwas Kostbares entwickelt." Von Olaf Nöller

Zwei Wochen später stand er vor mir, der "Wildfremde", als wir Gottesdienst in der Hauptkirche feierten. Heute, da ich ihn kenne, nenne ich ihn scherzhaft "Moses", worüber er stets abwinkend lacht, obwohl sein arabischer Name durchaus etwas damit zu tun hat. "Moses" wurde im Alter von 16 Jahren zwar nicht in ein Schilfkörbchen auf dem Nil ausgesetzt, aber von seinem Onkel auf eine lange gefährliche Reise geschickt, weil er in seiner Heimat an Leib und Leben bedroht war. Der Vater war von Islamisten umgebracht worden in einem der Länder, von denen wir tagtäglich hören.

"Moses" ist zufällig in einem EU-Staat gestrandet, in den er eigentlich gar nicht wollte und der ihn bis heute auch nicht haben will. Er hatte nur einfach kein Geld mehr und stand mutterseelenallein auf der Straße. Er sprach wildfremde Leute an in der Hoffnung, sie könnten ihn vielleicht verstehen. Schließlich fand er Aufnahme in einem Sammellager für unbegleitete Jugendliche und konnte sogar einige Zeit zur Schule gehen, die Sprache des Landes lernen, Sport treiben, Freunde finden und als normaler Jugendlicher leben.

Aber als er volljährig war, da begannen Versuche, ihn abzuschieben in jenes Chaos, das auch seine Mutter inzwischen verlassen hat, um sicher zu leben. "Moses", der ursprünglich in einem winzigen Dorf ohne Elektrizität aufwuchs, bewies eine erstaunliche Fähigkeit, seinen Horizont zu weiten. Er ist klug und lebenstüchtig; er hat auch ohne Schulabschluss ein breites Wissen gesammelt, lernt ständig dazu und wirkt lebensfroh - es sei denn, ihn holen dunkle Erinnerungen ein. Wenn er darüber spricht, weint er mitunter wie ein Kind.

"Moses" hat sich vor drei Jahren taufen lassen. Ein Prozess ging voraus. Es fiel ihm nicht leicht, sich vom traditionellen Glauben der Familie zu lösen. Beeindruckt haben ihn Christen, die für alle Menschen beteten und die ihm auch dann noch halfen, als er illegal leben musste. Man hatte ihm beim Asylverfahren seine Geschichte nicht geglaubt und auch sein Bekenntnis zu Jesus Christus als nicht überzeugend angesehen. Dabei kennt er sich gut aus in der Bibel. Eifrig liest er den Predigttext auf dem Handy in der Heimatsprache mit, und als wir ein altes Gemälde betrachteten, da sagte er sofort: "Das ist der kleine Moses am Nil."

Was könnte nicht alles aus ihm werden. Vorausgesetzt, "Moses" käme endlich irgendwo an! Manchmal sagt er: "Ich bin so müde!" Ich entgegne dann: "Komm, wir schaffen das!" Und dann bin ich selber so dankbar, dass ich inzwischen "wildfremde" Leute kennengelernt habe, die ich um Rat fragen kann, weil sie sich mit Gesetzen auskennen und ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren. Echte Überzeugungstäter! Vielen ist geschehen, was auch mir zugestoßen ist: Ein bis dahin eher abstraktes Thema rutschte plötzlich vom Kopf ins Herz! Und auch da bin mir sicher: Meinen neuen Freund, den möchte jeder zum Nachbarn haben, der ihn ohne Vorurteile kennen lernt.

OLAF NÖLLER IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

Quelle: RP
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