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Mönchengladbach
Wenn Kinder radikalisiert werden

Mönchengladbach. Die Eltern sind Neonazis oder Salafisten, der Nachwuchs wird entsprechend erzogen. Schon im Kindergarten und in der Grundschule gibt es Verhaltensauffälligkeiten. Im Katholischen Beratungszentrum finden Erzieher und Lehrer Hilfe. Von Inge Schnettler

Das Thema ist unangenehm und sperrig. Und: Es ist noch nicht wirklich im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Es geht um die Radikalisierung von Kindern im Kindergarten und in der Grundschule. "Wenn Mädchen und Jungen in religiös oder politisch radikalisierten Familien aufwachsen, hat das in der Regel gravierende Folgen", sagt Herbert Busch. Der Referent für Religion und Weltanschauungsfragen im Katholischen Beratungszentrum mit Sitz an der Bettrather Straße entwickelt derzeit mit einem Arbeitskreis ein Konzept zur Prävention. Denn seine Beobachtungen haben ihm gezeigt, wie dringend notwendig die Beschäftigung mit dem Thema ist.

Fall 1 Der kleine muslimische Junge lässt sich im Kindergarten von seiner Schwester bedienen. Die Erzieherin erklärt ihm, dass das nicht üblich und richtig sei, weil Mädchen und Jungen grundsätzlich die gleichen Rechte haben. Der Junge versteht die Welt nicht mehr, die Regeln, die er in seiner Familie gelernt hat, zählen plötzlich nicht mehr. Die Eltern des kleinen Jungen sind Salafisten.

Fall 2 Ein Grundschüler fühlt sich von der Lehrerin provoziert und geht mit dem Messer auf sie los. Es stellt sich heraus, dass der Junge in einer rechtsradikalen Familie aufwächst.

"Es geht darum, ein waches Auge auf auffällige Kinder zu haben", sagt Herbert Busch. Erzieherinnen und Lehrerinnen rät er, unmittelbar und möglichst unaufgeregt zu reagieren. "Kinder, die in extremistischen Familien großwerden, haben nur so die Chance, ein anderes Weltbild kennenzulernen." Eine kleine Chance sieht er auch in der Zeit der Pubertät. "Entweder sie wenden sich von den Eltern ab, oder sie übertreffen sie noch in ihrer Radikalität."

Die Arbeitsgruppe bietet zukünftig Schulungen für Erzieher und Lehrer an. In den Kindergärten gehe es darum, Regeln zu vermitteln und die soziale Kompetenz der Mädchen und Jungen zu fördern. Handeln sei dringend erforderlich, wenn erkennbar würde, dass ein Kind konkret betroffen ist. "Die Kinder müssen andere Vorbilder und Modelle kennenlernen als die, die sie in der Familie vorgelebt bekommen. Die Jungen müssen lernen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind." Indem das Kind andere Optionen und Möglichkeiten kennenlernt, könne es eine tolerante Haltung entwickeln.

Die Eltern in den Prozess einzubeziehen wäre sinnvoll, "ist allerdings nur möglich, wenn sie noch in den Anfängen der Radikalisierung sind", sagt Herbert Busch. Je extremer sie sich entwickeln, desto unwahrscheinlicher werde die Zusammenarbeit. "Eine reelle Chance entsteht, wenn der Kindergarten oder die Schule das Jugendamt hinzuziehen können, weil das Kind gewalttätig wird oder Zeichen der Verwahrlosung zeigt.

"Wir bereiten in unserer Expertengruppe Hilfsangebote vor, die den Erziehern und Lehrern angeboten werden", sagt Busch. Denn es sei nur eine Frage der Zeit, bis es richtig knallt. In Fortbildungen können die Leiter von Schulen und Kitas den Umgang mit dem Phänomen trainieren. "Die Arbeit von Erziehern und Lehrern wird sich zukünftig stark verändern."

Hier finden die betroffenen Berufsgruppen Hilfe: Katholisches Beratungszentrum, Fachbereich Religions- und Weltanschauungsfragen, Bettrather Straße 26, Telefonnummer 02161 4951496 und Wegweiser beim Paritätischen, Friedhofstraße 39, Telefon 0176 47160469.

Quelle: RP
 
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