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Mönchengladbach
Wie Erwin Nussbaum hätte leben können

Mönchengladbach. Karl Nussbaum zeigt morgen eine Video-Performance, die das Schicksal seines Onkels Erwin reflektiert - und auf den Kopf stellt. Er schenkt dem Bruder seines Vaters eine Wirklichkeit, die er nie hatte. Denn Erwin kam im KZ ums Leben. Von Inge Schnettler

"Ich bin Erwin Nussbaum, ich bin dein Nachbar, erinnere dich an mich, erzähle meine Geschichte."

Das tut Karl Nussbaum. Der amerikanische Künstler, der bereits im vergangenen Jahr anlässlich der jüdischen Kulturtage mit einer Performance im Monforts-Quartier auf sich aufmerksam machte, erinnert morgen Abend mit einer Videoperformance an Erwin Nussbaum, den Bruder seines Vaters. 8504: So heißt die Videosequenz. 8504 Tage hat Erwin Nussbaum gelebt. Geboren wurde er 1920 in Rheydt, am 31. März 1944 töteten ihn die Nazi-Schergen im Konzentrationslager Auschwitz. Da war er 23. Ein viel zu kurzes, ein tragisches Leben. "Mein Vater hat immer gesagt, dass ich meinem Onkel Erwin sehr ähnlich sehe", sagt Karl Nussbaum.

10,13 Minuten dauert der Film, an dessen Anfang und Ende ein Porträtfoto von Erwin Nussbaum zu sehen ist - zum Schluss ist die Aufforderung zu hören, sich an ihn zu erinnern (s.o.). Im Maria-Lenssen-Berufskolleg wird er das Video, das sich aus historischen Aufnahmen Rheydts und aus Familienfotos und -filmen zusammenfügt, auf einen mit Helium gefüllten Wetterballon projizieren. Karl Nussbaum gibt seinem Onkel ein Leben, das er nie gelebt hat. Erwin verliebt sich, heiratet, geht mir seiner Frau auf Reisen, sie bekommen ein Baby. Aber auch die dramatische Wirklichkeit ist zu sehen: Goebbels' Rede vom Balkon des Rheydter Rathauses, der Jubel der fanatischen Massen auf dem Marktplatz, die Bomben in der Kristallnacht: Das wahre Leben und das Leben, das Erwin Nussbaum in friedlichen Zeiten hätte führen können, bilden einen schwer zu ertragenden Kontrast.

Die Arbeiten des 57-jährigen Künstlers Karl Nusbaum handeln vielfach von Tod und Leid. "Das hat mit der Geschichte meiner jüdischen Herkunft und Familie zu tun", sagt er. Gleichwohl sei er kein trauriger Mensch. "Es gibt sehr glückliche Momente in meinem Leben - und die gehören auch Erwin", sagt er. Wenn er eine heiße Dusche genießt, käme es durchaus vor, dass seine Gedanken bei Erwin sind. "Der hätte sich das warme Wasser auf seinem Körper sehnlichst gewünscht." Wenn Karl Nussbaum glücklich ist, schenkt er einen Teil seines Wohlbefindens Erwin. Ja - so erklärt Karl Nussbaum seine Verbundenheit zu dem Mann, den er nie kennenlernen durfte.

Der Kontakt zur Kunst-Welt Mönchengladbachs kam übrigens durch einen Zufall zustande. Bei einem Aufenthalt in Amsterdam lernte Karl Nussbaum die Künstlerin Sarah von Sonsbeeck kennen, die 2011 als Atelierstipendiatin in Mönchengladbach lebte und arbeitete. Als Nussbaum sie von diesem Erlebnis berichten hörte, bat er um einen Kontakt zur Stadt seiner Vorfahren. So kam er mit Thomas Hoeps, dem Chef des Kulturbüros, und Museumsdirektorin Susanne Titz ins Gespräch. Hoeps organisierte die Performance im vergangenen Jahr, und auch in diesem Jahr hat er Karl Nussbaum eingeladen.

Eigentlich sollte die Video-Performance am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge in Rheydt (Ecke Werner-Gilles-/Wilhelm-Strater-Straße) stattfinden. Wegen des regnerischen Wetters wird die Veranstaltung morgen ab 20 Uhr ins Maria-Lenssen-Berufskolleg (Gebäude B) an der Werner-Gilles-Straße verlegt. "Also in Sichtnähe zum Gedenkstein", sagt Thomas Hoeps. Die Zuschauer erwartet ein intensives Erlebnis. Karl Nussbaum wird ganz ruhig neben dem Wetterballon stehen, der einen Durchmesser von drei Metern hat. Dessen Außenhaut ist die Projektionsfläche für den Film. Dieser zeigt in seinem letzten Drittel die Bilder auf dem Kopf stehend. Es sind die für Erwin Nussbaum erdachten glücklichen Momente, "Das ist irritierend - verkehrt", sagt Hoeps. "Erwin schaut von oben herab", sagt Nussbaum.

Quelle: RP
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