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Mönchengladbach
Zwei Ausstellungen in der Galerie Löhrl

Mönchengladbach. Horst Gläsker und Athar Jaber treffen sich in den Räumen der Galerie Löhrl an der Kaiserstraße. Gläsker zeigt gestische, dynamische, wild bewegte Farbfelder; Jaber weiße, wunderschönen Kopfskulpturen aus Marmor. Von Sigrid Blomen-Radermacher

Der Bildhauer Athar Jaber, geboren 1982, ist in vielen Kulturen zu Hause. Seine Eltern stammen aus dem Irak, er selbst ist in Italien geboren, in Florenz aufgewachsen und lebt und arbeitet als Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Antwerpen in Belgien. In seiner künstlerischen Arbeit fließen die Kulturen zusammen. Aber nicht nur die Kulturen. In der Galerie Löhrl an der Kaiserstraße 69 sind zur Zeit seine außergewöhnlichen Skulpturen zu sehen.

Athar Jaber scheint den Betrachter zu verführen, ihn auf einen weich gefederten Weg zu schicken, bevor er ihn hart in eine brutale Realität stößt. Der Künstler arbeitet selbstverständlich nicht mit dem Ziel, dies zu tun. Aber es geschieht dennoch. Der Raum der Galerie ist erfüllt von weißen, perfekten (so scheint es) und wunderschönen Kopfskulpturen aus Marmor. Marmor, dem Königsmaterial eines Michelangelo, eines Bernini, eines della Robbia. Verführerisch, zum Berühren verlockend. Auch das Motiv ist ein klassisches: das Porträt, der Kopf. Aber dann betrachtet der Besucher die Skulptur genauer, oder: Er umrundet sie. Und plötzlich entdeckt er die Deformation, die Verwundung, die Verletzung, das Fragmentarische, den Schrecken.

Die Renaissancekultur hat ihre Spuren hinterlassen in Jabers Werken, aber viel mehr noch die Schrecken der Kriege. Aufgewachsen mit dem Wissen um die kriegerischen Zerstörungen im Irak, zu denen weltweit immer neue Kriege und Brutalitäten hinzukommen, kann er nicht anders, als die menschliche Tendenz zur Zerstörung, so Jaber, in seinen künstlerischen Arbeiten deutlich zu machen. Ein Archiv von Fotos bildet die Basis seiner Porträts. Da fehlen Teile eines Gesichts, dort befinden sie sich an falscher Stelle. Man kann nicht wegschauen von den Skulpturen, ist immer wieder irritiert und überwältigt von diesem Kontrast zwischen Schönheit und Zerstörung.

In einer 2. Werkgruppe zeigt Jaber die "Stone Tablets". Belgische Blausteinplatten sind in einer hohen Regelmäßigkeit mit gleichmäßigen Hieben bearbeitet. Wie Lebensspuren breiten sie sich auf dem Stein aus. Sie wirken wie eine notwendige und heilsame Unterbrechung für einen Künstler, der sich mit Krieg und Zerstörung auseinandersetzt. Was auch für den Betrachter gilt.

Der Künstler Horst Gläsker (geboren 1949), der in den Räumen an der Kaiserstraße 58-60 ausstellt, hat in seinem Düsseldorfer Atelier Worte an die Wand geschrieben. Er hat sie in seine aktuelle Ausstellung in der Galerie Löhrl mitgebracht und auch hier an die Wand schreiben lassen - sie sind eine Art künstlerisches Manifest, das genau das, was der Besucher vor dem Bild erleben kann, in Begriffe fasst. Die linke Wortreihe ist mit "Raum", die rechte mit "Zeit" überschrieben. In der Mitte befindet sich nur ein Wort: "Rhythmus". Der entsteht aus den Gegensätzen zwischen den linken und rechten Begriffen: Die "Form" steht dem "Chaos" gegenüber, die "Ordnung" der "Freiheit" und "Präzision" trifft auf "Zufall".

Er bewege sich als Maler, so Gläsker, ständig auf diesem Grat zwischen Zufall und Präzision. Diesen schmalen, aber dennoch genau ausgeloteten Grat beschreiten auch die Betrachter der Werke in der "Rhythmusfelder" benannten Ausstellung.

Gestische, dynamische, wild bewegte Farbfelder, Farbwolken, Farblandschaften treffen da auf mathematisch komponierte Linien, Wellenbewegungen und Rechtecke. Da Gläsker hinter Glas bzw. Acrylglas malt, muss er ein "umgekehrtes Denken" einsetzen, muss mit der Präzision beginnen, die im Ergebnis des künstlerischen Prozessen auf der 1. Ebene liegt. Eine Zeichnung hilft dabei. Linien oder Felder werden auf dem Glas angelegt. Immer in einem fließenden, kaum merklichen Farbverlauf. Immer auch sind die Bilder durch diese Linien und Felder, die scheinbar, in der Vorstellung des Betrachters, über die Bildränder fortsetzbar sind, offene Kompositionen.

Während Gläsker die Formen aufmalt, "wächst die Wut". Die Wut gegen die Kontrolle, die präzise Form. Die notwendig ist, um in einem zweiten Arbeitsschritt das scheinbare Chaos von Farben und Farbmischungen ausbrechen zu lassen. In diesem Chaos herrschen neben der kreativen Wut der Rakel, der Pinsel, spitze Gegenstände, die in die Farbe ritzen, manchmal die beschuhten Füße des Künstlers. Sie besitzen eine enorme Wucht, die "Rhythmusfelder" von Horst Gläsker. Spaß macht es, die Künstler zu erraten, auf die er sich in einigen seiner Arbeiten bezieht und die er ihnen widmet: Hokusai, Giotto, Monet.

Die Ausstellungen von Athar Jaber und Horst Gläsker in der Galerie Löhrl, Kaiserstraße 58-60 und 69 sind bis 2. Juli dienstags bis freitags, 13 bis 18 Uhr, und samstags, 10 bis 14 Uhr, geöffnet.

Quelle: RP
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