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Mönchengladbach
Kunst suchen

Mönchengladbach: Kunst suchen
Auf dem Maarplatz in Geneicken steht eine steinerne Büste, die Kaiser Wilhelm darstellt. Offensichtlich hat sich lange niemand mehr um den Kopf gekümmert. Er ist komplett überwuchert. FOTO: Gruhn
Mönchengladbach. Manchmal muss man über sie stolpern, um sie zu entdecken. Oft muss man zweimal hinsehen, gelegentlich auch dreimal. Wir haben verborgene Kunstwerke in der Stadt gesucht. Von Inge Schnettler

Sind das Fahnenmasten? Oder haben gigantische Krieger ihre Speere steckenlassen? Wird hier etwas gebaut? Nein. Auf der Wiese zwischen der Musikschule und der Volkshochschule an der Lüpertzender Straße stehen fünf Edelstahl-Stäbe. Viele Menschen laufen tagtäglich an ihnen vorbei, werden sie möglicherweise gar nicht wahrnehmen - oder aber sich diese Fragen stellen. Tatsächlich handelt es sich um ein Werk der Mönchengladbacher Künstlerin Brigitte Zarm. Der Titel: Feder-Zeichen / Zeichen-Feder. Brigitte Zarm studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Vogelfeder, die ebenso wärmender Schutz wie leichte Flughilfe ist. 2004 hat sie die feine Arbeit, die tatsächlich an Federkiele erinnert, geschaffen.

Kaiser Wilhelm sieht nichts mehr, er wird auch kaum noch gesehen. Die steinerne Büste steht auf einem hohen Sockel auf dem Maarplatz in Geneicken - und ist im Laufe der Zeit von Ranken überwuchert worden. Dem letzten deutschen Kaiser und König von Preußen dürfte es egal sein. Sein Ruhm ist ohnehin längst verblasst.

38 vertikal angeordnete Täfelchen von Beate Selzer zieren die Fassade der Stadtbibliothek. FOTO: Blomen-Radermacher

Nur wer genau hinschaut, wird die 38 kleinen Bildtafeln mit stilisierten Köpfen von Beate Selzer an der Fassade der Stadtbibliothek an der Blücherstraße entdecken. Sie hat damit einen senkrechten Fries gestaltet. Ursprünglich als temporäre Arbeit für die Skulpturenmeile geschaffen, blieben die Täfelchen. Warum auch nicht?

Dieses Kunstwerk ist eine Stolperfalle. "Bodenaustausch" heißt die nur wenige Zentimeter hohe Arbeit von Vaago Weiland vor dem Priorhaus an der Abteistraße. 100 von diesen mit gelbem Rahmen versehenen Bodenbehältern, gefüllt mit Erde, die er entlang der Niers gesammelt hat, legte der Künstler 2002 auf der Skulpturenmeile aus. Die ausgestochenen Quadrate am Niersufer befüllte er mit dem Material, das er in der Stadt entnommen hatte, um die 100 Kästen einsetzen zu können. Ein Austausch - 1:1. Nach all den Jahren sind viele der Kästen nicht mehr komplett, aus anderen sprießen Kräuter und Gräser. Ein Hans-Guck-in-die-Luft gerät da schon mal ins Straucheln.

Die Freiluft-Galerie in der Altstadt entstand im vergangenen Jahr. Sie soll weiter ausgebaut werden. FOTO: Altstadtinitiative

Und dann ist da noch die Freiluft-Galerie. Die Altstadt-Initiative, die sich seit vielen Jahren um das Aussehen und das Image des zeitweilig arg ramponierten Stadtviertels kümmert, überrascht Besucher des historischen Stadtkerns an etlichen Hausfassaden mit Fotografien. Die Fotokünstler Fabio Borquez und Link & Kress haben im vergangenen Jahr acht Schwarz-Weiß-Fotos zur Verfügung gestellt, die seitdem mal auffälliger, mal weniger auffällig auf Ecken und Kanten der Architektur aufmerksam machen. Die Initiatoren möchten mit ihrer Aktion die Sehgewohnheiten der Menschen verändern, ihre Aufmerksamkeit wecken, möglicherweise sogar ihre Neugierde.

Einen neuen Blick für die Dinge gewinnen, neue Perspektiven entdecken - das kann Kunst im Stadtbild schaffen. Und das schafft wiederum Identität und Nähe - das Gefühl, zu Hause zu sein. Man stelle sich doch bloß einmal vor, die sieben Esel von Rita McBride stünden nicht auf dem Sonnenhausplatz. Sie würden fehlen - sehr sogar.

Die ursprünglich 100-teilige Bodenarbeit von Vaago Weiland kann zur Stolperfalle werden. FOTO: Isa Raupold
Quelle: RP
 
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