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Gastbeitrag
Lasst uns den Geist der Stadt erhalten

Gastbeitrag: Lasst uns den Geist der Stadt erhalten
Zwischen der Neuhofstraße und der Schwogenstraße wurde die ehemalige Textilfabrik, die zuletzt Standort von "Edler von F." war, abgerissen. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Vorab gesagt: Das hier ist kein Lamentieren über die Unfähigkeit der Verwaltung oder der Politik. Es ist ein Appell an alle: An die Verwaltung, an die Politik und an die Bürgerinnen und Bürger, die Eigentümer von Immobilien sind. Von Mark Nierwetberg

Es geht um den Abriss der ehemaligen Textilfabrik an der Neuhofstraße, die zuletzt Standort von "Edler von F." war. Der Abriss ist ein trauriges Beispiel für eine Entwicklung, die im Moment über viele Städte hereinbricht: Nennen wir es geschichtslosen Modernismus.

Seit das Konzept "MG+ - Wachsende Stadt Mönchengladbach" Form annimmt, hat sich Euphorie in der Stadt breitgemacht. Warum? Weil es eben nicht nur in Steinen und Gebäuden denkt, sondern die Stadt als ganzen Raum im Blick hat. Die vier Säulen gehen in die richtige Richtung: Stärkung des Lebens- und Wohnraums und der sozialen Strukturen, Verbesserung von Umwelt und Mobilität, moderne Wirtschaftsstruktur und Stärkung der weichen Standortfaktoren wie Bildung und Infrastruktur.

Aber unter der Fahne von mg+ verbreitet sich auch eine schräge Art der Aufbruchsstimmung, die da lautet: Hurra, hurra, die Investoren kommen, lasst sie uns bloß nicht verschrecken! Lasst uns schnell Platz machen - für Abriss und Neubau!

Warum ist das kein Grund zum Jubeln? Diese Stadt hat eine Historie, sie war ein Textilstandort. Statt diesen Charakter der Stadt in die Moderne zu transformieren, wird er auf dem Altar der Immobilieninvestoren geopfert. In Sichtweite hat der Neubau der MEDIA Central gezeigt, wie es gehen kann, wenn ein Investor nicht nur Quadratmeter-zu Euro-Optimierung im Sinn hat. Da wurde um eine alte Fassade ein Gebäude geschaffen, das einen modernen Charakter hat und dennoch der Historie noch ein Gesicht gibt. Bauvorhaben wie bei Edler von F., die einfach abreißen und geschichtslose 08/15-Schuhkarton-Glattfassaden-Architektur errichten, werden uns am Ende mit einem charakterlosen 08/15-Stadtbild ohne Geschichte und ohne Eigenheiten hinterlassen. Das ist nicht gut für die Stadt.

Warum nicht? Weil Städte immer mehr zu bedeutungslosen und seelenlosen Abziehbilder werden, die einander gleichen - moderne Einöden aus pragmatischer Investorenarchitektur; gut für die Rendite, mehr nicht. Wollen wir das auch für Mönchengladbach? Oder wollen wir dieser Stadt einen eigenen Charakter geben, der sie nicht austauschbar macht? Annette Bonin die planungspolitische Sprecherin der CDU, hat dazu in einer Diskussion auf Facebook einen passenden Begriff verwendet: Es geht um den "genius loci" - den Geist eines Ortes. Mag sich komisch anhören, trifft es aber auf den Punkt. Wenn wir diesen Geist des Ortes für unsere Stadt nicht wertschätzen, dann wachen wir eines Tages in einer Stadt auf, die aussieht wie all die anderen Strukturwandelopfer, seien es Essen, Dortmund oder Duisburg: Kik-Markt rechts, H&M links, ein paar Waffelläden, Euroshops und als Höhepunkt ein Vapiano; dazu noch ein bisschen moderne Schuhkarton-Wohnbebauung für alle ab 80.000 Euro Jahreseinkommen aufwärts. Glauben wir wirklich, dass uns das im Standort-Wettbewerb einen Vorteil bringt?

Grundlage jeder guten Markt-Strategie ist Differenzierung. Man kauft ein Produkt nicht, weil es ist wie jedes andere, man kauft ein Produkt, weil es anders ist: weil es etwas Besonderes hat, mit einer eigenen Qualität. Wenn wir unsere Stadt austauschbar machen, weil die Investoren ihre Rendite-optimierte Architektur durchdrücken wollen, dann werden wir am Ende als Stadt verlieren, weil wir keine Differenzierung haben. Dann stehen überall moderne, hübsche Schuhkartons, gefällig, aber ohne Charakter.

Wenn die Stadt das Konzept mg+ umsetzen will, dann braucht sie Investoren, das ist so, da sollte niemand naiv sein. Aber müssen wir zu allem Ja und Amen sagen? Warum stärken wir nicht Projekte und Bauvorhaben von Investoren, die Mönchengladbach anders werden lassen, bunter, lebhafter, eigenartiger - wenigstens an einigen Stellen dieser Stadt! Wir sollten Akzente setzen, die nicht nur einfach dem modernen Chic entsprechen, sondern die den eigenen Charakter der Stadt unterstreichen. Wir brauchen endlich mehr Mut zur Differenzierung und zum eigenen Gesicht, sonst gehen wir unter im Einheitsbrei der Investoren, die auf der Suche nach optimierter Rendite sind. Dafür ist Edler von F. ein trauriges Mahnmal!

Aber um das zu verhindern, müssen alle an einem Strang ziehen: Politik, Verwaltung und Eigentümer. Warum schützen wir historische Fassaden und den "genius loci" nicht und fordern deren Einbeziehung in die Modernisierung? Weil wir Angst haben, die Investoren könnten nach Krefeld oder sonst wohin gehen? Es gibt in anderen Städten genug Beispiel dafür, dass historische Architektur in hochwertige Immobilien modernisiert werden kann.

Lasst uns die Stadt nicht zur charakterlosen Modell-Landschaft für Investorenträume werden! Wir müssen in Zukunft noch darin leben!

Quelle: RP
 
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