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Mönchengladbach
Lebensreise ins Jenseits

Mönchengladbach. Robert North präsentiert das Leben einer namenlosen Frau. Das Ensemble vermittelt, trotz klischeehafter Elemente, eindrucksvolle Tanzbilder. Am Gelingen der Uraufführung haben Orchester und Theaterchor großen Anteil. Von Dirk Richerdt

Wenn die konzentrischen roten Kreise auf dem Prospekt nicht geheimnisvoll-ernste Stimmung verbreiteten, hätte man über den Anfang schmunzeln können. Lässt Ballettchef Robert North hier doch von je sieben weiblichen und männlichen Akteuren, letztere mit nackten Oberkörpern, das ewig junge Spiel der Liebe schildern. Frauen schauen Männern zu, die sich vor ihnen werbend in Szene setzen. Dann wenden sich die Geschlechtergruppen einander zu, in Begegnungen bilden sich auf der Bühne sieben Paare heraus. Andeutungen darf man entnehmen, dass Robert North humorig auch auf die Ebene der Genetik verweist - konkret auf das Bemühen von Spermien, die Eizelle zu erreichen.

Kapellmeister Alexander Steinitz hält die Niederrheinischen Sinfoniker dazu an, genauestens die Zeichenhaftigkeit der Musiksprache des britischen Komponisten Howard Blake (77) umzusetzen, die mit einem Prolog dem Ballett "Eine Frau ohne Namen" den Rahmen gibt. Wie eine wortlose Stimme des Vorscheins auf das Entstehen eines neuen Menschen klingt, was Sopranistin Sophie Witte von der Seitenbühne artikuliert. Ein feines Klangnetz spannt sie über den wogenden Kosmos im Orchestergraben. Als die Titelfigur mit ihren Eltern auftritt, zunächst als kleines Mädchen (Felicitas Andreas), verstummt der Sopran. Weil die Person, um die es geht, nun auf der Bühne steht und nunmehr durch ihren Körper spricht.

Karine Andrei-Sutter prägt fortan das wechselnde Szenario. Die famose Solotänzerin aus der Schweiz zeichnet allein mit ausdrucksstarker Körpersprache den komprimierten Lebenslauf einer Frau nach. Wir erleben mit, wie sie ihren ersten Freund (Raphael Peter) kennenlernt, wie sie sich später für einen Anderen als Ehemann (Alessandro Borghesani) entscheidet. Zwei Kinder tollen über die Bühne - und bald knirscht es in der Beziehung. Ihr Mann hat offenbar eine Affäre mit ihrer besten Freundin (Elisa Rossignoli). Starke Bewegungsbilder hat Choreograf North für die Konfliktszenen gefunden, bei denen die Kontrahenten wütend aufeinander losspringen. Der Kampf bringt Borghesani einmal fast zu Fall. Das Stationendrama setzt sich fort, die Frau wird älter, erlangt als Buchautorin Erfolge, schließlich präsentiert ihre Tochter das erste Enkelkind. Dann ist erst einmal Pause.

Doch kaum haben wir angefangen, uns zu wundern über manches Klischee in diesem Lebenskreis, geht es weiter: Die Frau erkrankt, stirbt sitzend am Schreibtisch, umstanden von trauernden Angehörigen. Doch damit endet das Stück nicht, die Seele der Frau löst sich von ihrem Körper und lebt weiter. Auf ihrem Weg ins Jenseits begleitet sie ein Engel (nachdrücklich die Richtung weisend: Victoria Hay).

Nicht alle Rätsel möchte Robert North auflösen, recht so. Wieder hilft die Musik weiter: Der gemischte Chor, auf der Hinterbühne thronend, singt Teile des oratorischen "Benedictus" von Howard Blake und erhöht mit filigranem Melos das leicht kitschige Bild tanzender Engel in monochromen Pastellgewändern. Wie bereits im ersten Teil, als Konzertmeister Philipp Wenger ein faszinierendes Violinsolo spielte, folgt nun eine ebenso eindrucksvolle Bratschenpartie von Albert Hametoff.

Nach dem Schlussakkord erhalten alle Akteure und das Produktionsteam, darunter auch Bühnenbildner Udo Hesse und Chordirektorin Maria Benyumova, ausdauernden Beifall. Darüber freut sich auch der aus London angereiste Komponist der Uraufführung, Howard Blake.

Quelle: RP
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