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Mönchengladbach
Lebensretter in zehn Minuten

Mönchengladbach: Lebensretter in zehn Minuten
Bevor es losgehen kann, muss sich Brigitte Altenberg bei der DRK-Mitarbeiterin Maggy Paulussen registrieren. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Immer weniger Gladbacher spenden Blut. Die Konserven fehlen in den Krankenhäusern der Region. Vor allem mangelt es am Spendernachwuchs. Von Lisa Kreuzmann

Drei Liegen bieten Fensterblick, drei lassen Raumfreiheit. Es riecht nach Waffeln und Heftpflaster. Ratsch, geht die Spritzenverpackung - zzzz, zzzz, das Desinfektionsspray. Wenige Sekunden Anspannung - dann schiebt die Arzthelferin die Kanüle in die linke Ellenbeuge von Brigitte Altenberg, fixiert die Nadel und rückt eine Liege weiter, wo schon Mesut Gündogan wartet.

101 Menschen sind an diesem Tag in die Kirchengemeinde Heilig Geist gekommen, um ihr Blut zu spenden. auf diese Zahl hatte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) auch gehofft. Aber zu oft wird diese Hoffnung inzwischen enttäuscht.

2016 konnte das DRK sieben Prozent weniger Blut an Krankenhäuser und Praxen abgeben als eigentlich geplant, sagt Stephan David Küpper vom DRK-Blutspendedienst. Der Grund: Immer weniger Menschen spenden Blut. Der Rückgang sei dramatisch. Dabei würden dank medizinischen Fortschritts bereits weniger Blutkonserven benötigt. "Der Verbrauch ist gesunken und wir schaffen es trotzdem nicht, den Bedarf zu decken", sagt Küpper. "Das muss ein Warnzeichen sein."

FOTO: Ilgner Detlef

In Mönchengladbach sieht das nicht besser aus. Kamen 2014 noch im Schnitt 74 Menschen zu einem Blutspendetermin der DRK, waren es ein Jahr später nur noch knapp 70. 2016 ist die Zahl auf durchschnittlich 65 gesunken. "Wir sehen eine klare Tendenz nach unten", sagt Küpper. "Wir brauchen mehr Blutspender."

Brigitte Altenberg geht an diesem Tag zum 97. Mal zur Blutspende. Menschen wie sie brauchen die Wohlfahrtsverbände - Dauerspender, die regelmäßig und verlässlich spenden so wie andere zum Friseur gehen. Doch davon gebe es immer weniger, sagt Küpper. Der Nachwuchs fehle. "Altspender gehen drei bis vier Mal im Jahr Blut spenden, junge Menschen nur etwa halb so oft", heißt es beim DRK. Doch bei Blutkonserven geht es vor allem um Verlässlichkeit.

In der Schlange zum Arztzimmer steht auch Franziska Hampesch. Die 29-jährige Wickratherin geht heute zum zweiten Mal zur Blutspende. "Mal schauen, ob ich überhaupt spenden kann", sagt sie. Immerhin, etwas mehr als zehn Prozent der Freiwilligen müssen die Mitarbeiter abweisen, heißt es beim DRK. Gründe dafür gibt es viele: Eisenmangel, die Einnahme von Antibiotika, Bluthochdruck. Bei Franziska Hampesch stellt die Ärztin tatsächlich einen zu hohen Hämoglobin-Wert fest. "Jetzt soll ich zwei Becher Wasser trinken und dann wird noch mal gemessen", sagt die 29-Jährige. Die Verzögerung setzt sie leicht unter Druck. "Ich muss gleich meine Tochter in der Kita abholen."

Etwa eine Stunde Zeit müsse man einplanen, sagen die erfahrenen Spender. Das könnte aber auch schneller gehen, finden Brigitte Altenberg und Angelika Kuhlen. Beide haben die seltene Blutgruppe 0 Rhesus negativ, die laut DRK-Angaben nur bei sechs Prozent der Bevölkerung vorkommt. Blut, das die beiden Frauen spenden, ist besonders in Notfällen gefragt, wo es schnell gehen muss. 0 Rhesus negativ wird von jedem Menschen vertragen, egal welche Blutgruppe er hat.

Für Angelika Kuhlen ist dies heute die 61. Blutspende in ihrem Leben. "Es ist so wenig, was man aufwenden muss", sagt die 67-Jährige. Wenn nur die lange Wartezeit nicht wäre. "Man könnte die Erstspender vorher schon abfangen und betreuen", schlägt Brigitte Altenberg vor. "Das lange Warten ist lästig und ärgerlich."

Auf der Liege ist das Warten wieder vergessen. Etwa zehn Minuten dauert es, bis der halbe Liter Blut in den Plastikbeutel gelaufen ist. 600 Sekunden, 135 Atemzüge. Was folgt, ist das gute Gefühl, anderen geholfen zu haben. Danach müssen die Spender noch einige Minuten ruhen. Zur Stärkung und Belohnung steht ein Buffet bereit: Vollkornbrötchen, Weichkäse, Gurkenscheiben, Räucherschinken, Weintrauben, Waffeln, Heißgetränke. Mesut Gündogan trinkt nach der Spende noch einen Kaffee. Der gelernte Maschinenschlosser hat schon viele Unfälle miterleben müssen. "Man kann schnell selbst betroffen sein und Blut brauchen", sagt der 43-Jährige.

Zwischen 3000 und 3500 Blutkonserven sammelt die DRK-West pro Tag; dazu gehören Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Aus Mönchengladbach kommen an diesem Tag 84 dazu. Die Konserven bleiben in der Region. Lange Wege kann das Blut nicht zurücklegen. Die zentrifugierten Blutplättchen halten nur wenige Tage. Die Termine für die nächste Spende stehen bereits.

Quelle: RP
 
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