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Serie Gladbacher Lesebuch (10)
Lehrer Schleberger erklärte Volkslieder und Bierbrauen

Im dritten Schuljahr waren die Schiefertafeln durch Hefte abgelöst worden. Statt des Milchgriffels wurde der "Geha - Füller mit Reservetank" in die Hand genommen. Der Umgang mit dem Schreibgerät war sehr gewöhnungsbedürftig, was sich in Tintenklecksen in den Aufgabenheften bemerkbar machte. Die Schreibutensilien, Zirkel, Winkelmesser, Lineal und ein Sortiment von etwa zwölf Farbstiften hatte ich in einer braunen Ledermappe mit Reißverschluss verstaut.

Wir hatten den Klassenraum gewechselt. Endlich waren wir auch die schrägen Klassenpulte und Bänke los. Stattdessen saßen wir auf Stühlen. Diese waren wie die Tische in Grün gehalten und mit einer Schleiflack-Glasur versehen. Für unsere Unterweisung trug jetzt der Lehrer Anton Schleberger die Verantwortung. Er war ein 64-jähriger Pädagoge, der eine Armverletzung aus dem Ersten Weltkrieg hatte. Dieser Lehrer warf, sobald er jemanden bei einer Unachtsamkeit gewahrte, einen Stock durch den Klassenraum, der kurz vor dem Störer zum Liegen kam. Man hatte die Pflicht, den Stock nach vorne zum Lehrerpult zu bringen, um sich, sofern man ein Knabe war, ein paar Schläge auf das Gesäß abzuholen.

Unser Lehrer spielte uns trotz seiner Behinderung dann und wann etwas auf der Geige vor. Auch unterrichtete er uns im deutschen Liedgut. Er war ein Bewunderer von Hermann Löns. Wir bekamen erklärt, dass zum Bierbrauen neben dem Wasser auch Hopfen und Malz erforderlich sind. In echt deutscher und patriotischer Gesinnung wurden uns von ihm alle drei Strophen des Deutschlandliedes beigebracht und erklärt, dass Deutschland nur in den Herzen der Bürger "über alles" stehen sollte.

Wir hatten nun auch "Heimatkunde". Das alte Gladbacher Stadtwappen wurde uns hinsichtlich der darin abgebildeten Symbole erklärt. Seitdem weiß ich, dass die Niers in Kuckum entspringt und von dort aus nordwestlich in Richtung Kleve fließt. Lehrer Schleberger liebte die Natur. Er brachte uns bei, wie man eine Meisenglocke zur Winterfütterung der Vögel bastelt. Auch habe ich erfahren, wie Strauchbohnen im Garten anzupflanzen sind. Ich habe dies in unserem Garten auch versucht: Erde umgegraben, Bohnen in die Erde, gut angegossen, Kordel schräg nach oben gespannt. Die Arbeit wurde von meinen kleineren Vettern und Cousinen, die im Garten spielten, zerstört.

Quelle: RP
 
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