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Prozess um ermordetes Baby in Mönchengladbach
Leos Mutter weint und schweigt

Prozess um ermordetes Baby in Mönchengladbach: Leos Mutter weint und schweigt
Die Angeklagte Mutter hält sich ein Heft vor das Gesicht, als sie in Mönchengladbach den Gerichtssaal betritt. FOTO: dpa, rwe fpt
Hat sie gewusst, dass ihr kleiner Sohn vom eigenen Vater misshandelt wurde? Oder schlief sie, als das erst 19 Tage alte Baby im Nebenzimmer getötet wurde? Der Prozess gegen Leos Mutter wurde neu aufgerollt. Von Ingrid Krüger, Mönchengladbach

Leos Mutter muss sich seit Montag erneut für den qualvollen Tod ihres Säuglings vor dem Landgericht Mönchengladbach verantworten. Die heute 27 Jahre alte Frau habe nebenan im Schlafzimmer die Schreie des über Stunden von ihrem damaligen Mann misshandelten Säuglings gehört, aber nichts unternommen, sagte Staatsanwalt Stefan Lingens beim Prozessauftakt. Und: "Obwohl sie ihr Kind schreien hörte, blieb sie im Schlafzimmer liegen und stellte sich schlafend."

Am 31. Mai 2016 hatte die 7. Große Strafkammer den Vater des 19 Tage alten Säuglings Leo wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Dessen 27-jährige Ehefrau und Mutter von Leo kam wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren davon. Das Urteil von Pascal W. ist rechtskräftig. Dessen Revision gegen das Urteil hatte keinen Erfolg. Gegen die Mutter des ermordeten Säuglings hatte die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf und verwies das Verfahren zur neuen Verhandlung an das Landgericht zurück.

Prozess um getöteten Säugling Leo FOTO: Hans-Peter Reichartz

Deshalb musste die 27-Jährige am Montag erneut auf der Anklagebank Platz nehmen – diesmal vor der 5. Strafkammer des Landgerichts. Zunächst berichtete der Kammervorsitzende Helmut Hinz, welch grausamer Fall im Frühjahr 2016 vor dem Schwurgericht verhandelt worden war: Der Vater des Kindes habe den kleinen Leo in einer Oktobernacht 2015 aus Eifersucht und Frustration getötet. Er soll den laut schreienden Säugling mehrfach mit dem Kopf auf eine harte Tischkante geschlagen und sich auf dessen Körper gesetzt sowie ihn sexuell missbraucht haben. Es sei in der Ehe immer nur um das Kind gegangen. Da sei der Angeklagte eifersüchtig und wütend geworden. Die Mutter soll sich in dem Raum neben dem Kinderzimmer schlafend gestellt haben.

Die 27-Jährige hatte im erstinstanzlichen Prozess behauptet, sie habe nichts von dem nächtlichen Geschehen bemerkt. Sie habe am Tag für das Kind gesorgt, der damals arbeitslose Ehemann sei in der Nacht für den Säugling verantwortlich gewesen. Als die schrecklichen Taten im Gerichtssaal noch einmal vorgetragen wurden, weinte die Angeklagte. Als juristische Details des Verfahrens erörtert wurden, verstummte die 27-Jährige.

Eine Kriminalkommissarin schilderte die Vernehmung der Mutter des kleinen Leo, nach der Tat. Da habe die 27-Jährige zugegeben, dem zunächst liebevollen Vater ihres Sohnes allmählich misstraut zu haben. Wegen einer Lippenverletzung habe sie mit dem Säugling eine Kinderärztin aufgesucht. Sie habe geglaubt, es handele sich um "Herpes". Doch die Ärztin hatte ihr erklärt, dass das Baby mit heißer Milch verbrüht worden sei. Dafür kam nur der Vater des Jungen in Frage. Der jedoch leugnete, und beteuerte, dass er auch für den Kratzer im Gesicht des Säuglings nicht verantwortlich sei. Später waren am Körper des Babys Spuren von Tritten entdeckt worden.

Bei der Polizei soll die Angeklagte zugegeben haben: "Ich habe die Schreie in der Nacht ignoriert. Um des ehelichen Friedens Willen bin ich einfach liegen geblieben. Ich gebe mir die Schuld, dass das passiert ist." Zu einer psychiatrischen Sachverständigen soll Melanie W. jedoch sinngemäß erklärt haben, sie sei bei der Polizei unter Druck gesetzt worden. Dagegen beteuerte ein 44-jähriger Kriminalbeamter: "Wir haben die junge Frau mehrfach belehrt. Es war eine sachliche Vernehmungsatmosphäre. Wurden die grausamen Ergebnisse aus der Obduktion bekannt, hat sie geweint. War das vorbei, hat sie sich wieder beruhigt." Als man ihr von dem sexuellen Übergriff des Ehemannes auf das Kind berichtete, habe sie allerdings nahezu hysterische geschrien.

Der zu lebenslanger Haft verurteilte Vater von Leo wird nicht aussagen. Er beruft sich auf sein Aussageverweigerungsrecht. Der Prozess vor der 5. Strafkammer wird fortgesetzt.