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Delegation aus Mönchengladbach
Zu Besuch bei Martin Sonneborn in Brüssel

Martin Sonneborn: Die Partei aus Mönchengladbach zu Besuch in Brüssel
Martin Sonneborn, hier mit Merkel-Raute, wird im Mai 50 und steht vor dem Scherbenhaufen einer Satiriker-Karriere. Denn sein Ziel, mit Satire eine Fatwa auf sich zu ziehen, blieb bis jetzt ein frommer Wunsch. "Die Wette bei der ,Titanic' lautete seinerzeit, wer als Erster eine auf sich zieht - und noch hat es keiner geschafft, also liege ich gut im Rennen", redet er sich raus. FOTO: Schnettler, Jan
Mönchengladbach. Die Satire-Truppe von Die Partei besuchte in Brüssel ihren Chef, den Europaabgeordneten Martin Sonneborn. Der plauderte aus dem parlamentarischen Nähkästchen, erklärte, warum er nur der Zweitfaulste sei. In Mönchengladbach will Die Partei bald Akzente setzen. Von Jan Schnettler

Der Tag hat für den Mann, den die Süddeutsche Zeitung zu "Deutschlands Chefsatiriker" gekürt hat, mit Realsatire auf eigene Kosten begonnen. Seine Familie, die auf Besuch ist, steckte gerade, inklusive seiner beiden kleinen Kinder, im Herzen der Europäischen Union eine halbe Stunde im Aufzug fest. Jetzt aber ist Martin Sonneborn da. Im Sitzungssaal des Europaparlaments im Brüsseler Paul-Henri-Spaak-Gebäude empfängt er eine rheinische Delegation der Partei, die sich schlicht "Die Partei" nennt und deren "GröVaZ" (Größter Vorsitzender aller Zeiten, im Partei-Sprech) er ist. Darunter etliche Gladbacher. Die wurden letztens vom Landesverband als "Muster-Kreisverband" bezeichnet, sagen sie. "Das war doch bestimmt eine Rundmail, die an alle ging", sagt Martin Sonneborn. Alles lacht.

Die Mönchengladbacher Partei-Delegation im EU-Parlament (hintere Reihe v.l.): Lisa Schmerl, Sven Mielke, Ulas Sazi Zabci, Martin Sonneborn, Christian Rondholz und Stefan Hintzen. Vordere Reihe v.l.: Cedric Hochhardt, Rebecca Hohlbein und Christian Ibels. FOTO: Schnettler, Jan

Der kurze Dialog zeigt exemplarisch, wie man die Partei zu verstehen hat: Sie trägt eine - durchaus überbordende - Portion Schalk im Nacken, aber als Berufskomiker abtun sollte man sie nicht. Denn "auch mit Satire wird eine Aussage getroffen", sagt Christian Ibels, Geschäftsführer der gemeinsamen Ratsgruppe von Piraten und Die Partei (PiPa) in Gladbach - ein Verweis auf das Charlie-Hebdo-Attentat ist unnötig. Von Redakteuren des Satiremagazins Titanic gegründet, hat die Partei nicht nur in Gladbach - in Person von Ulas Sazi Zabci - mittlerweile den Sprung in den Stadtrat geschafft. In einzelnen Wahlbezirken - zuletzt bei der Hamburger Bürgerschaftswahl in St. Pauli - ließ sie sogar schon die CDU hinter sich. Dort war die Partei mit "Prof. Dr. Dr. Eimer" angetreten, der "Puff ab 16" forderte. "Mit einem hässlichen Blecheimer als Kandidat hatten wir zum Teil mehr Stimmen als die CDU - das ist wegweisend für ganz Deutschland", sagt Sonneborn. Der sitzt für die Partei seit letztem Jahr im Europaparlament und musste dafür seine Tätigkeit bei der Heute-Show im ZDF aufgeben.

Im vierten Obergeschoss des Paul-Henri-Spaak-Gebäudes hängt ein Edward-Snowden-Aufkleber. FOTO: Schnettler, Jan

An diesem Brüsseler Vormittag plaudert der 49-Jährige, der sagt, sein Leben sei anstrengender als vor dem Mandat, aus dem parlamentarischen Nähkästchen. Er erklärt, warum es schade ist, dass er im Block der Fraktionslosen nicht hinter Udo Voigt von der NPD sitzen darf ("Dann könnte ich mit einem Gummiband und einer achtfach gefalteten Busfahrkarte auf seinen Hinterkopf schießen"), sagt, warum er unter den 751 Abgeordneten nur der Zweitfaulste ist ("Der Faulste war länger erkrankt und ist Rekonvaleszent"), welche Kunstausstellung er plant ("Zeichnungen der 50 hässlichsten Abgeordneten") und warum er seine Unterschrift stark verkürzt hat (weil er täglich für seine 304-Euro-Pauschale unterzeichnen muss). Apropos Geld: Seine Partei-Kader sind jung und brauchen das Geld. 110 Besucher darf jeder Abgeordnete pro Jahr auf Steuerzahler-Kosten einladen. 160 Euro pro Kopf hätten die Gladbacher am Ende mit nach Hause genommen, wenn sie sie nicht im berüchtigten Délirium Café auf den Kopf gehauen hätten.

Ulas Sazi Zabci (li.), der sich selbst als den "Quotentürken, der sogar Deutsch kann", bezeichnet, sitzt für die Partei im Mönchengladbacher Stadtrat. Hier ist er im Gespräch mit dem PiPa-Geschäftsführer Christian Ibels und Martin Sonneborn. FOTO: Jan Schnettler

Die Abkürzung "Partei" steht für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen. Und eigentlich auch noch für die stummen Buchstaben B wie Biertrinken und N wie Nordkorea-Beziehungen. In Gladbach forderte sie im Wahlkampf die Trennung von Gladbach und Rheydt, Sonnenschein - und niedrigere Bierpreise. Dass man je in die Bredouille kommen könnte, dass halbwegs ernsthafte Politik von einem erwartet wird, war lange nicht abzusehen. Der Übergang sei oftmals nicht einfach, sagt Sonneborn, Ibels bestätigt das. Doch er sagt: "Wir wollen und werden in Gladbach Impulse setzen und nicht nur Quatsch machen." Die Partei-Realos würden Handfestes ausarbeiten, das die Satiriker-Fraktion dann nach Bedarf ausschlachten könne.

Und wie könnte das aussehen? Bisher nehmen die etablierten Parteien die Spaßtruppe wenig ernst. Die Haushaltsberatungen seien doch eine prima Gelegenheit gewesen, sich mal einzubringen, wurde sogar kritisiert. Student Zabci gibt zu, dass "wir noch nicht gewusst haben, dass wir da eine Rede haltendürfen". Das solle sich künftig aber ändern. Duftmarken in Sachen ernsthafter (auf keinen Fall ernster!) Politik wolle man etwa bei der Verbesserung der verheerend niedrigen Wahlbeteiligung setzen. "Das lässt sich nicht von Berlin oder Düsseldorf aus machen", sagt Ibels. "Und die Gladbacher GroKo hat da auch keinen erkennbaren Ansatz." Deswegen wolle die Partei versuchen, ein funktionierendes Kinder- und Jugendparlament zu etablieren. "Wir planen außerdem eine Art Politik-Talk auf Youtube, wo etablierte Politiker auf normale Bürger und deren Meinungen treffen", fügt Christian Rondholz hinzu.

Sonneborn, dessen Traum es ist, "dass sich Angela Merkel in einem Schauprozess im Olympiastadion aus einem Käfig heraus zu rechtfertigen hat", macht das ganz ähnlich. "Politainment" nennt er das Unterfangen, von Spiegel-TV begleitet die Absurditäten der EU-Bürokratie aufzudecken. Demnächst etwa die regelmäßigen Parlaments-Umzüge nach Straßburg. Mal lässt er Günther Oettinger vor die Pumpe laufen, mal brüskiert er die ungarischen Rechtsausleger im Parlament, dann wieder zeigt er das Gebaren der EU-Lobbyisten auf. Nicht immer ist das in erster Linie lustig, meist aber legt es Finger in Wunden, wo das Establishment gar keine zu erkennen vermag.

Auch die Gladbacher Partei-Mitglieder - rund 18 000 gibt es inklusive Österreich bereits, vor Ort sind es rund 35 ("Seit Neuestem sogar auch Frauen") - sieht es in GroKo-Zeiten als ihre Aufgabe an, zu polarisieren, Diskussionen anzuregen. Beispiel: "Wir haben im Wahlkampf das eigene Nummernschild für Rheydt gefordert - kurz darauf hat die SPD Giesenkirchen das zu ihrem Thema gemacht", sagt Zabci. Und mit Blick auf das gotische Rathaus am Brüsseler Grand Place frohlockt er: "So etwas müssten wir doch, mit Herrn Schlegelmilch und der Firma Jessen, bei uns auch hinkriegen!"

Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg, aber die Partei plant schließlich nichts Geringeres als die Machtübernahme des Systems. Dafür tritt man schon jetzt in Einheitskleidung auf (das Outfit aus grauen Anzügen und roten Krawatten gibt's bei C&A, nur die Gladbacherin Lisa Schmerl hat sich extra für den Brüssel-Besuch bei Hephata einen Hosenanzug für 18 Euro gekauft). Und sie haben den Segen von ganz oben - ihrem GröVaZ. Die Trennung von Gladbach und Rheydt "befürworte ich sehr. Es gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen, sich von seinen minderwertigen Nachbarn abzugrenzen", sagt Sonneborn. Das könne eine Art Versuchsballon für die geforderte Abspaltung Deutschlands von der DDR sein. Auch einen Ausschluss Mönchengladbachs aus der Eurozone könne er sich vorstellen: "Eine sehr reizvolle Idee, den Grexit schon mal vorzuempfinden!" Er werde seinen Büroleiter beauftragen zu gucken, was sich da machen lasse. Der heißt Dustin Hoffmann. Klingt komisch, ist aber so. Wie so manches bei der Partei.

Quelle: RP
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