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Mit Karlheinz Wiegmann
Mein Arbeitsplatz ist der schönste Ort in der Stadt

Mit Karlheinz Wiegmann: Mein Arbeitsplatz ist der schönste Ort in der Stadt
FOTO: Knappe Joerg
Mönchengladbach. Dr. Karlheinz Wiegmann, Direktor des Museums Schloss Rheydt, berichtet über seinen Arbeitsplatz, die Vielseitigkeit des Angebots und darüber, was eine Zeitschrift von 1964 auslösen kann.

Wo sind Sie geboren und aufgewachsen? Was und wo haben Sie studiert?

Wiegmann: Ich komme aus der Nähe von Münster. Dort und in Düsseldorf habe ich Geschichte studiert und promoviert. Ich bin also Westfale, der sich hier im Rheinland aber sehr wohl fühlt.

Wie sind Sie nach Gladbach gekommen?

Wiegmann: Ich habe nach dem Studium ein Volontariat im Museumsamt in Münster gemacht und war danach in verschiedenen Ausstellungsprojekten tätig. Beispielsweise bei der Ausstellung Feuer und Flamme im Gasometer in Oberhausen. Ich war im Computermuseum in Paderborn, im Gartenbau-Museum in Erfurt, im Sportmuseum in Köln und in Tübingen. Von dort aus bin ich 2010 nach Rheydt gekommen. Tübingen ist eine wunderschöne Stadt, aber das Museum Schloss Rheydt war anders und absolut überzeugend. Außerdem hat mich die Textilmaschinensammlung angesprochen. Ich habe über die Textilbranche promoviert und jahrelang in Textilfirmen gejobbt. Ich weiß, wie die Arbeit dort läuft und finde den Bereich sehr spannend.

Sie haben einen ganz besonderen Arbeitsplatz. Ist es für Sie auch nach Jahren noch ein Erlebnis, über die Brücke zum Schloss zu gehen?

Wiegmann: Ja, es ist tatsächlich immer noch etwas Besonderes. Man bemerkt die Jahreszeiten ganz anders, als wenn man in der Stadt arbeitet. Wenn ich am Schloss ankomme, ist das sehr intensiv. Es ist ein wunderbarer Ort, der schönste Ort in Mönchengladbach. Aber ich habe noch einen zweiten tollen Arbeitsplatz, das Textiltechnikum im Monforts-Quartier. Die Sammlung von Textilmaschinen ist fantastisch und einzigartig. Andere Sammlungen beziehen sich meist auf bestimmte Zeiträume, aber wir können einen zeitlichen Querschnitt von der Handweberei bis heute zeigen.

Die Textilmaschinensammlung war früher im Schloss untergebracht.

Wiegmann: Ja, und dafür hat Eva Brues, die damals das Museum leitete, den sehr renommierten Museumspreis bekommen. Maschinen im Rahmen eines Renaissanceschlosses zu zeigen und auch noch anzuwerfen, das war wegweisend. Zwischendurch war die Sammlung dann zehn Jahre in den Boetzelen Höfen untergebracht, bis sie jetzt in die großartigen neuen Räume im Monforts-Quartier gewechselt ist.

Schloss Rheydt hält viele Attraktionen bereit - die ständige Sammlung, die Wechselausstellungen in der Vorburg, die Kasematten. Sind Sie mit der Situation zufrieden?

Wiegmann: Als ich anfing, habe ich einiges neu strukturiert. Das Schloss ist für Renaissance und Barock reserviert. Dort kann man schon deshalb keine Wechselausstellungen unterbringen, weil man im Schloss nichts aufhängen kann. Sonst bröselt der historische Putz von den Wänden, und es muss eine Spezialfirma zum Verputzen und Streichen kommen, was ziemlich teuer ist. Die Vorburg ist robuster. Dort sind jetzt jeweils zwei Wechselausstellungen untergebracht. Auf der kleineren Fläche, die geschaffen wurde, indem der Kassenbereich nach vorn versetzt wurde, haben wir Platz etwa für Ausstellungen von Schulen.

Wie viele Wechselausstellungen haben Sie im Jahr?

Wiegmann: Ich zähle sie nie. Es sind zwei bis drei größere und fünf bis sechs Ausstellungen im Kabinett.

Haben Sie Veränderungspläne?

Wiegmann: Der 25 Jahre alten Ausstellung im Herrenhaus würde es gut tun, neu gestaltet zu werden. Das Herrenhaus hat vieles, was dem Besucher jetzt gar nicht klar wird. Es gibt wunderbare Stücke wie die Kabinettschränke, die sich den Besuchern nicht von allein erschließen. Es ist eine feine Sammlung mit der Wunderkammer im Zentrum, die es wert ist, mit medialer Unterstützung präsentiert zu werden. Die Einheit von Sammlung und Gebäude machen es zu einem einzigartigen Erlebnis.

Schloss Rheydt hat mit den Märkten, Musikveranstaltungen und Festen viel zu bieten. Was bedeutet die Vielfalt für das Museum?

Wiegmann: Schloss Rheydt ist ein besonderer Ort mit fantastischen Veranstaltungen, die sehr unterschiedliche Menschen anziehen. Die Leute kommen wegen der Sommermusik oder der Gartenwelt, wegen der Möglichkeit, Kindergeburtstag zu feiern oder auch um Pizza zu essen. Das funktioniert alles zusammen, man braucht da keine Scheu zu haben. Allerdings ist das Parken mitunter ein Problem.

Ist diese Offenheit ein besonderes Merkmal Ihres Museums?

Wiegmann: Wir versuchen niedrigschwellig zu arbeiten und neue Gruppen zu erschließen. Wir bieten zum Beispiel Führungen für Menschen mit Demenz an - in Zusammenarbeit mit der Sozialholding. Für Demenzkranke gibt es kaum Angebote. Wichtig für sie ist, dass nicht zu viel Neues auf sie einstürmt, dass sie Vertrautes erkennen. Darum wird das Ganze als Ausflug ins Blaue organisiert, das kennen sie. Bei uns erwartet sie eine Kaffeetafel, gedeckt mit historischem Geschirr und auch alte Zeitschriften liegen aus, zum Beispiel die Bunte von 1964. Wenn sie das entdecken, erinnern sie sich und kommen ins Reden. Und sie erinnern sich auch später noch an den Besuch.

Welche anderen Gruppen versuchen Sie anzusprechen?

Wiegmann: Natürlich die Schulen. Früher kamen die Schüler automatisch irgendwann ins städtische Museum, aber das ist heute nicht mehr so. Die Lehrpläne haben sich gewandelt. Aber Schulprojekte klappen gut. Mit der Gesamtschule Stadtmitte zum Beispiel haben wir schon mehrere Theaterprojekte durchgeführt. Zuletzt haben sich die Schüler mit den Gemälden alter Meister auseinandergesetzt.

Mit wie vielen Leuten arbeiten Sie?

Wiegmann: Außer mir gibt es noch einen Museumspädagogen, der gleichzeitig Kunsthistoriker ist und eine Volontärin. Es gibt eine Bürokraft, zwei Haustechniker und das Aufsichtspersonal. Sonst arbeiten wir mit freien Kräften. Die beliebten Kindergeburtstage im Museum beispielsweise werden von Honorarkräften betreut. Außerdem suchen wir die Kooperation: die Museumsuni bieten wir in Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein an. Wir arbeiten mit anderen Museen zusammen, jetzt zum Beispiel mit der Festung Jülich und Schloss Brake in Lemgo. Dann planen wir gemeinsam, das vereinfacht vieles.

Wie ist das Museum finanziell aufgestellt? Reicht die Unterstützung?

Wiegmann: Die finanzielle Situation des Museums ist angespannt, der Ausstellungs- und Ankaufsetat mehr als knapp. Wir versuchen das durch externe Förderung zumindest teilweise auszugleichen. Wir werden dabei hervorragend unterstützt vom Förderverein, der Otto-von-Bylandt-Gesellschaft. Die Zusammenarbeit funktioniert auch inhaltlich wirklich sehr gut. Unsere nächste Ausstellung zum Thema Reisen ist vollständig verzahnt mit dem Begleitprogramm der Bylandt-Gesellschaft. Auch das Sponsoring funktioniert gut. Die Museumsuni beispielsweise wird von der Stadtsparkasse gesponsert und der Museumsführer von der Volksbank. Für die Reformationsausstellung haben wir Fördermittel bekommen, und die Restaurierungen werden vom Land gefördert. In der Schatzkammer wird vieles von der Sparkassenstiftung finanziert. Wir haben allerdings einen gewissen Nachteil. Die öffentliche Förderung im Bereich Kunst ist besser, historische Museen haben es dagegen erheblich schwerer.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie für das Museum anschaffen?

Wiegmann: Das ist schwierig, weil es so vieles gibt. Da fällt mir zum Beispiel spontan ein wunderschönes Schießpulver-Döschen in Form einer Schildkröte ein. Das wäre eine tolle Ergänzung für die Kunst und Wunderkammer.

INGE SCHNETTLER, ANGELA RIETDORF, DELF GRAVERT UND JANA KOSKY FÜHRTEN DAS INTERVIEW

Quelle: RP
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