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Serie Denkanstoss
Mensch, mach mal Pause!

Mönchengladbach. Pfarrer Olaf Nöller plädiert dafür, an Sonn- und Feiertagen der Kunst des Müßiggangs zu frönen. Von Olaf Nöller

Gott, so erzählt uns die Bibel, ist ein fleißiger Arbeiter. An sechs Tagen schuf er den Himmel und die Erde. Am siebten Tag legte er sich hin und ruhte aus - die Pause war geboren. "Gott hat die Zeit erschaffen, der Teufel dagegen die Zeitnot", heißt es. An einem Tag der Woche - ganz gleich ob man ihn Sabbat oder Sonntag nennt - ist also heilsame Unterbrechung angesagt. So war es immer schon, und so wird es hoffentlich noch lange bleiben.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges unternahmen die Engländer ein vielsagendes Experiment: Um die Kriegsproduktion zu steigern, beschlossen sie, die Bänder in den Fabriken auch an Sonntagen laufen zu lassen. Aber der Versuch ging gründlich schief. Die produzierte Menge der Güter nahm sogar ab. Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Arbeiter sanken. Ähnliche Fehlversuche gab es unter Stalin in der Sowjetunion.

Die Wochenpause, sie hat darum in Deutschland Verfassungsrang. "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", hieß es schon in der Weimarer Reichsverfassung (Artikel 139). Das Grundgesetz übernahm das. Man darf nur nicht so genau hinschauen, was die Menschen am Sonntag so alles treiben, denn häufig dient er ganz anderem als der "seelischen Erhebung".

Der Freizeitstress macht heute Millionen zu schaffen, weil sie meinen, sie müssten an den Wochenenden "alles" rausholen - oft bis der Arzt kommt. Dabei sind die Sonn- und Feiertage schlicht dazu da, der Diktatur der Permanenz zu widerstehen. Sie sollen uns dazu helfen, aus dem Alltagstrott auszubrechen, sich zu entspannen, dem Körper und dem Geist das zurückzugeben, was er in der harten Arbeitswoche entbehren muss. Solches Nichtstun müssen sich viele heute hart "erarbeiten". Am meisten hindert das eigene schlechte Gewissen. Das Über-Ich ruft: "Du musst! Wenn Du nichts schaffst, bist Du nichts wert..." oder es flüstert: "Du verpasst etwas!". Dass es die heilsamen Pausen sind, die den Rhythmus des Lebens erschaffen, unser Dasein human und lebenswert machen, gerät im modernen Leistungsdenken, das die Permanenz des Arbeitens und Konsumierens verlangt, in Vergessenheit - mit fatalen Folgen für die Volksgesundheit.

Wenn ich mitten im größten Termindruck Entspannung suche und in den Garten gehe, dann beneide ich oft meine Schildkröte. Tuptup döst vielleicht gerade in der Sonne, oder er ist unterwegs, um sich einen Leckerbissen zu suchen. Ich sage: "Ach, Dicker, du mit deiner himmlischen Ruhe hast gute Chancen, mich zu überleben. Ach könnte ich doch auch einfach so herumexistieren wie du...". Vermutlich gibt es auch ganz viele, die nur deshalb schuften, weil sie sich und anderen beweisen wollen, dass sie eine Existenzberechtigung haben...

Üben wir - trotz notwendiger Arbeit - hin und wieder, nicht zielgerichtet zu leben! Existieren wir dann einfach so, wie Gott es uns am Sabbat vorgemacht hat. Also: einmal in der Woche den Computer ausschalten, den Terminkalender und das Handy weglegen und stattdessen versuchen, den Kopf frei zu machen, viel miteinander zu reden und Schönes zu erleben - ohne Erfolgsdruck! Sehen wir den Sonntag als Chance, der Kunst des Müßiggangs zu frönen. Übrigens rechne ich dazu auch den Besuch eines Gottesdienstes. Hier muss ich ja auch nichts "tun". Es geht ums Loslassen, um Berührung mit dem Grund des Lebens.

DER AUTOR IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

Quelle: RP
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