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Serie Denkanstoss
Mit Augenbinde wäre das nicht passiert

Serie Denkanstoss: Mit Augenbinde wäre das nicht passiert
Iustitia, die personifizierte Gerechtigkeit, trägt eine Augenbinde als Zeichen dafür, dass die Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person handeln muss. FOTO: istock
Mönchengladbach. Im Gerichts-TV-Experiment "Terror" hatte der Sympathieträger Erfolg, weil das TV-Volk eben nicht ohne Ansehen der Person entschied. Gut, dass wir unabhängige Gerichte haben, schreibt unser Autor. Von Stephan Dedring

Immer wieder mal kann man sie treffen. Würden Sie sie erkennen? Sie trägt eine Waage, oft ein Schwert und eine Augenbinde: Es ist die Iustitia, die personifizierte Gerechtigkeit. Seit der Zeit der Renaissance und der Reformation im 16. Jahrhundert trägt sie die Augenbinde zum Zeichen dafür, dass die Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person handeln muss. Es darf beim Ausschlag der Waage keine Rolle spielen, ob ein Reicher oder ein Armer vor ihr steht, eine junge oder alte, eine schöne oder eine hässliche Person. Bis in unser heutiges Medienzeitalter hinein gibt uns diese alte Darstellungstradition einen wichtigen Hinweis, wie sich am letzten Montag wieder deutlich zeigte.

Nach vielen Aufführungen im Theater war "Terror", der fiktive Prozess eines angeklagten Piloten, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abgeschossen und dabei 164 Menschen getötet hat, um 70.000 Besucher eines Stadions zu retten, nun auch im Fernsehen angekommen. Ein moralisches Dilemma, über das es sich in der Tat nachzudenken lohnt. Die Zuschauer durften über den Ausgang des Prozesses abstimmen. Was bekamen die Zuschauer zu sehen, und wen bekamen sie zu sehen? Welche Schauspieler haben gespielt? Fernsehen und verbundene Augen passen nicht zusammen. Und alles, was wir sehen, wirkt. Medienwissenschaftler haben sofort Hinweise gegeben. Die ausgedachte Sachlage ist ja kompliziert genug: Dem Piloten bleiben nur zwei Möglichkeiten, die beide Tod und damit Schuld bedeuten - ausweglos. Wie diese Lage juristisch zu bewerten ist, ist eine zweite Ebene - und wie diese medial beeinflussbar ist, eine wichtige, meist unbemerkte dritte.

"Menschenwürde ist nicht verhandelbar" erinnerte die RP. Aber muss es verwundern, dass der Pilot, der so hübsch und smart dargestellt wurde von Florian David Fitz, der schon Jesus gespielt hat und demnächst als Erich Kästner zu sehen sein wird, von 86,9 Prozent der Zuschauer freigesprochen werden sollte? Das Urteil ist damit erheblich deutlicher ausgefallen als sonst im Theater. Der Sympathieträger hat Erfolg. Mit Augenbinde wär' das nicht passiert! "Die TV-Zuschauer stimmen gegen das Grundgesetz" schrieb die Süddeutsche Zeitung. Wie wäre das Ergebnis gewesen, wenn ein anderer Schauspieler mit dunkler Haut, als Draufgängertyp und mit Vornamen Ahmed diese Rolle gespielt hätte? Der Iustitia mit Augenbinde wäre es egal gewesen - und den Fernsehzuschauern? Die Medienbetrachtung erinnert uns an die hohe Bedeutung, dass wir in Deutschland unabhängige Gerichte haben, die nicht nach zufälliger Mehrheit entscheiden.

Und diese Erkenntnis gilt auch für unsere sonstigen demokratischen Entscheidungsfindungen. Unsere repräsentative Demokratie macht sich nicht dauernd abhängig von stimmungsaufgeladenen Volksabstimmungen. Jeder kann sich einbringen, von den gewählten Vertretern wird im Parlament möglichst sachkundig entschieden. Natürlich gibt es zu viel Fraktionszwang und viel zu viel Lobbyismus. Aber gut, dass nicht alles nach momentaner Stimmungslage entschieden wird. Ich komme gerade aus England zurück, wo der Katzenjammer zu spüren ist nach einer Brexit-Kampagne voller Lügen und manipulierter Emotionen. Außenminister Boris Johnson machte Wirbel mit der unlogischen Abänderung einer alten englischen Redensart, nach der man einen Kuchen nicht gleichzeitig aufbewahren und essen kann: Johnson aber will alle Vorteile der EU ohne Mitgliedschaft in ihr. Das Parlament in London ist ratlos und fragt, ob es in einer so entscheidenden Frage gar nichts mehr zu sagen hat. Derweil beginnen Ausländer sich unwohl zu fühlen, Schottland erwägt eine Abspaltung von Großbritannien und das Pfund verliert zur Zeit beinahe jeden Tag an Wert...

Wir müssen den Medien nicht ausweichen und auch nicht dauernd unsere Augen verbinden, aber es lohnt sich, bei allen Fragen die mediale Präsentation und die heimlichen Beeinflusser wenigstens bemerken zu wollen. Damit wäre unserer politischen Kultur schon wieder geholfen! Genau das haben die Menschen schon in der Renaissance- und Reformationszeit mit der Figur der Iustitia und ihrer Augenbinde darstellen wollen.

DER AUTOR IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

Quelle: RP
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