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Mensch Gladbach
Mit der Jodtablette gegen den Stimmungs-Tsunami

Mönchengladbach. Borussia gewinnt ein paar Mal nicht - schon ist für viele völlig klar: Der Trainer bringt's nicht. Esel? Saublöd! Flüchtlinge? Kriminell! Tihange? Lebensgefährlich! Eine ganze Stadt hat Temperatur. Rasch ansteigend und schwer zu beherrschen. Stimmungen sind heute wahre Tsunamis. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Kolumne Ihres Vertrauens!

Ich weiß von der amerikanischen Frauenrechtlerin Mary MacCarthy im Wesentlichen zwei Dinge. Erstens ist sie sowohl protestantisch als auch katholisch und jüdisch erzogen worden, was ich mir recht anstrengend vorstelle. Zweitens hat sie geschrieben: "Manche Missstimmung von Frauen, der auch beste Psychiater nicht beizukommen vermögen, kann schon ein mittelmäßiger Friseur beseitigen." Abgesehen davon, dass der Einfluss des geeigneten Schuhwerks fehlt, ist das sehr klug beobachtet. Die Dame ist leider seit 27 Jahren tot, sonst hätte ich sie zu gerne mal gefragt, wie man verhindert, dass sich andererlei Stimmungen in den dunkelroten Bereich hochschaukeln.

Ich maße mir kein letztinstanzliches Urteil darüber an, wie André Schubert seinen Job als Trainer von Borussia macht. Ich finde es schon mühsam genug, Dinge fundiert zu beurteilen, von denen ich deutlich mehr verstehe. Was da aber im Moment als Stimmung durch die Stadiongänge wabert, beunruhigt mich. Nicht in der Sache. Aber in der Heftigkeit. Dieses Murren und Pfeifen bei Auswechslungen in tollen Spielen, diese spürbare Lust, den Stab zu brechen, Schuld zu verteilen - und all das nur wenige Monate nach einer beispiellosen Erfolgsserie - das hat schwer was von: "Hosianna! Kreuzigt ihn!" Und da es um Emotionen geht, die sich zu Tausenden verbrüdern, verschwestern und gegenseitig anfachen, hat da der Verstand Sendepause. Das mag man bei Fußball als Folklore abtun. Aber dieses Auflodern von Meinung, die zur Stimmung wird und dann wie ein Tsunami alles unter sich begräbt, ist inzwischen längst typisch für unsere Zeit.

Sonntag, Rheydter Markt: Da standen sich zwei Gruppen von Demonstranten gegenüber - von einem Großaufgebot an Polizei getrennt - die sich noch genau auf zwei Wörter an Kommunikation einigen können: Hau ab! Die einen rufen: Nazis raus. Die anderen was von rot-grün-versifftem Pack. Wenn das jetzt einfach nur ein paar Vollidioten wären - so what? Aber zwei Drittel ist Bürgertum. Unerschütterlich im festen Glauben, die einzige Wahrheit gepachtet zu haben. Kommen Sie denen bloß nicht mit Fakten oder gar Argumenten in die Quere!

Nächstes Beispiel: Tihange, das ist einer dieser Atommeiler in Belgien, deren Betreiber wahrscheinlich im Hauptberuf Jodtabletten herstellen. Uns droht eigentlich minütlich eine tödliche Gefahr, wispert die Stimmung aus allen Ritzen. Dass das Ding noch nicht hoch geflogen ist, scheint nicht weniger als ein Wunder. In Wahrheit schätzen Experten das Risiko eines Unfalls etwa so hoch ein wie die Gefahr, dass innerhalb des nächsten Jahres Außerirdische auf dem Rheydter Marktplatz landen - was ja wegen des Pflasters auch ziemlich blöd wäre. Dass jetzt allen Ernstes Jodtabletten verteilt werden sollen, als vermeintlicher Schutz gegen freigesetzte Radioaktivität, ist ein hübsches Symbol für die Kapitulation vor Stimmungen.

Egal ob es um Bedeutsames geht wie Flüchtlinge oder um Profanes wie Esel aus Bronze - Volkes Stimme ist schnell, laut und schrill. Demokratie hat all inclusive das Recht auf Irrtum. Freiheit ist schwer auszuhalten. Komplexität sowieso. Aber ein bisschen was Fundierteres als Daumen hoch oder runter sollten wir doch 2000 Jahre nach Brot und Spielen hinbekommen. Wer macht mit?

Quelle: RP
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