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Mönchengladbach
Mittelständler dirigieren die Niederrheinischen Sinfoniker

Mönchengladbach. In einem abendlichen Workshop erfuhren die Unternehmer, wie sehr die Arbeit eines Firmenchefs der eines Dirigenten ähnelt. Von Angela Rietdorf

Die Leiterin eines Pflegedienstes ist verblüfft, als die Niederrheinischen Sinfoniker auf ihr Zeichen hin wirklich anfangen zu spielen. Sie bewegt den Taktstock schneller, die Musiker spielen schneller - der 5. Ungarische Tanz von Johannes Brahms nimmt Fahrt auf. Sie bewegt die Arme langsamer, die Musik wird ruhiger. Eine energische Handbewegung nach unten - das Orchester verstummt. Ein erstaunliches Erlebnis für jemanden, der im Alltag zwar Führungserfahrung hat, aber kein Musiker und kein Dirigent ist.

Einige der 90 Teilnehmer des Workshops "Taktvoll führen", zu dem der Bundesverband Mittelständischer Unternehmer ins Haus Erholung eingeladen hatte, konnten diese eindrucksvolle Erfahrung machen. Aber auch für alle anderen bot der Abend gleich auf zwei Ebenen Überraschendes und Überzeugendes: Die Teilnehmer konnten das Orchester aus einer ungewohnten Position heraus wahrnehmen, sie saßen nämlich zwischen den Musikern und erlebten sie so hautnah. Und sie bekamen vor Augen und Ohren geführt, was Führung bedeutet, welche Rolle das Wahrnehmen und das Wahrgenommen-Werden spielen und wie Sinn entsteht.

Geleitet wurde der Workshop vom Berliner Dirigenten Professor Gernot Schulz. Mit von der Partie waren 40 Musiker der Niederrheinischen Sinfoniker. Gemeinsam gewährten sie Einblicke in die Arbeit von Dirigent und Orchester, aber Schulz schlug auch immer wieder den Bogen zu Führungsaufgaben in Unternehmen. Erst einmal stellte er fest, dass auf grundlegende Eigenschaften des Orchesters der Dirigent gar keinen Einfluss hat. Die Präzision und die Harmonie bringe das Orchester mit. Und das Orchester spielt auch ohne den Dirigenten, und zwar nicht schlecht. Auch das konnten die Teilnehmer erleben. Der Dirigent bringt die Emotionen ein, er gibt das Tempo vor und verändert so die Musik grundlegend. "Die Noten sind immer gleich, aber was aus den Noten entsteht, das ist Führungsaufgabe", erklärt Schulz und überträgt die Aussage auf ein Unternehmen. "Sinngebung ist eine Führungsaufgabe. Wer Leistung will, muss Sinn bieten."

Eine besondere Rolle spielt - im Orchester wie im Unternehmen - die Wahrnehmung. Die Musiker spielen auch ohne den Dirigenten noch gut, solange sie sich gegenseitig wahrnehmen können. Wenden sie sich den Rücken zu, funktioniert das nicht mehr. Auch der Dirigent wird ständig notwendigerweise wahrgenommen, muss aber auch seinerseits vermitteln, dass er die Musiker mit ihrer jeweiligen Leistung wahrnimmt. "Wertschätzende Wahrnehmung gehört dazu, und ich muss sie auch kommunizieren", erklärt Gernot Schulz. So müsse sich zum Beispiel der Dirigent an den Stellen speziell den Holzbläsern zuwenden, an denen die Blechbläser in deren Rücken besonders laut spielen. "Das irritiert die Holzbläser und ich zeige, dass ich ihre Leistung wahrnehme", sagt der Dirigent. Dass Wahrnehmung immer auch von der jeweiligen Position abhängt, erfahren die Teilnehmer, als sie während der Carmen-Suite zwischen den Musikern umherwandern und schließlich den herausgehobenen Platz des Dirigenten einnehmen. Dessen Kommunikation mit den Musikern ist eine nonverbale, und auch diese Tatsache überträgt der Dirigent auf Mitarbeiter und Unternehmen. Er betont die Bedeutung der Körpersprache.

Was die Teilnehmer an diesem Abend noch mit nach Hause nehmen, ist ein besonderes Musikerlebnis. Das Andante aus Mendelsohns 5. Sinfonie und die Ungarischen Tänze aus der Mitte des Orchesters heraus zu erleben, bedeutet, den Anteil des einzelnen Musikers in weit höherem Maße wahrnehmen zu können als im Konzertsaal.

Quelle: RP
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