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Selbsttest
24 Stunden Smartphone-Fasten

Mönchengladbach: 24 Stunden Smartphone-Fasten
Für 24 Stunden schaltete Marcel Romahn sein Smartphone ab. FOTO: Andreas Gruhn
Mönchengladbach. Die Fastenzeit hat begonnen. Deshalb hat unser Autor mal einen Tag lang auf eines seiner größten Laster verzichtet: das Smartphone. Um 12 Uhr mittags schaltete er sein Handy aus. Und ab da begannen die Probleme. Von Marcel Romahn

Donnerstag, 11.57 Uhr: Einen Tag lang ohne Smartphone auskommen – so schlimm kann das nicht sein. Deshalb fällt es mir nicht schwer, noch kurz meine Freunde per Textnachricht zu informieren, dass ich 24 Stunden nicht erreichbar sein werde, und anschließend den Aus-Knopf zu drücken.

12.05 Uhr: Ich sitze an meinem Arbeitsplatz und beantworte E-Mails. Da liegt es, mein Smartphone, mit schwarzem Bildschirm. Instinktiv wandert mein Zeigefinger auf den großen Knopf unterhalb des Displays. Doch der Bildschirm bleibt schwarz. Fast hätte ich es schon wieder vergessen.

12.40 Uhr: Arbeit soll ja bekanntlich gut ablenken. In meinem Fall eher nicht. Ich bin es einfach gewohnt zwischendurch auf dem Handy die Eilmeldungen verschiedener Nachrichtenprotale zu checken, auf WhatsApp regen Austausch mit meinen Freunden zu haben oder nach der Uhrzeit zu schauen. Wenigstens Letzteres kann ich mit meiner Armbanduhr machen, die sonst eher zur Zierde am Handgelenk baumelt.

13 Uhr: Mittagspause. Zusammen mit einer Kollegin geht's zum Mittagessen in das Restaurant um die Ecke. Im Büro streife ich mir den Mantel über und verstaue das Handy (wie immer) in der linken Hosentasche. "Das brauchst du doch gar nicht", mahnt die Kollegin. Stimmt. Das Smartphone bleibt auf dem Schreibtisch zurück. Die leere Hosentasche fühlt sich komisch an.

Nach 24 Stunden hat sich auf dem Smartphone einiges angesammelt, wie dieser Screenshot zeigt. FOTO: Marcel Romahn

13.10 Uhr: Im Restaurant fällt mir sofort auf, dass mindestens jeder zweite Gast sein Smartphone in der Hand hält. Wie gerne wäre ich jetzt einer von ihnen. Wie viele WhatsApp-Nachrichten ich wohl schon in der letzten Stunde verpasst habe?

13.20 Uhr: Wir haben bestellt. Die Kollegin hat sich inzwischen der Fraktion der Smartphone-Tipper im Restaurant angeschlossen. Das Handy mit beiden Händen fest umschlungen, schreibt sie munter Nachrichten an die Außenwelt. Nach einigen Sekunden merkt sie, dass ich sie beobachte. Sie nimmt Rücksicht. Das Handy verschwindet vom Tisch in die Handtasche.

14 Uhr: Ich bin zurück am Schreibtisch. Langsam wird die Handy-Abstinenz nervig. Ich beklage mich lautstark. Ein Kollege nimmt das zum Anlass, um über den Grund meines Leidens zu sinnieren. In einem Artikel habe er kürzlich etwas über Glücksforschung gelesen. Darüber, dass Handy-Apps das Belohnungszentrum im Gehirn stimulieren. Dass Endorphine und Dopamin Glücksgefühle in mir freisetzen. Ich versuche ihn zu ignorieren. Zu wissen, was meinem Kopf gerade fehlt, macht die Sache nicht besser.

Ein Leben ohne Smartphone?

18 Uhr: Feierabend. Der Tag ist geschafft. Ich habe mich erfolgreich in die Arbeit gestürzt und mein Handy-Handicap in den letzten Stunden komplett außer Acht lassen können. Bis jetzt! Denn nun muss ich mit dem Zug nach Hause fahren. Hatte mir meine App bislang beim Finden der perfekten Bahnverbindung stets treue Dienste geleistet, muss ich mir nun mit den Aushängen am Bahnsteig einen Nach-Hause-Weg stricken – nach alter Schule.

19.20 Uhr: Der Abstecher zum Supermarkt war ein weiterer herber Rückschlag. Denn die Hälfte habe ich vergessen. Warum? Weil die Einkaufsliste auf dem Smartphone gespeichert war. Und mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht ansatzweise so zuverlässig. Dann eben morgen früh Kaffee ohne Milch. Und Toilettenpapier ist eh überbewertet.

20.10 Uhr: Was läuft denn heute Abend im Fernsehen? Keine Ahnung! Auch meine Programmempfehlung erhalte ich in App-Form. Also muss ich mich durch sämtliche Teletext-Seiten durchquälen. Ich bleibe bei dem Film "The Rock" hängen. Fünf Minuten zu spät. Zum Glück kenne ich den Film schon.

Hintergrund: Das sind sichere Zeichen für eine Onlinesucht FOTO: gms

23 Uhr: Ab ins Bett. Wenigstens acht Stunden ohne Smartphone darf ich verschlafen. Die Bahnroute für den nächsten Tag habe ich mir schon zurechtgelegt. Nur wer weckt mich morgen früh eigentlich? Mein Smartphone wird es nicht sein. Und so krame ich den alten Wecker aus der Schublade hervor.

Freitag, 7.15 Uhr: Den schrillen Ton des Weckers habe ich dreimal gekonnt weggedrückt. Deshalb bin ich jetzt spät dran. Wieder geht der Griff instinktiv zum Handy auf dem Nachttisch. Ich entferne das Ladekabel und starre auf das schwarze Display – keine gute Methode, den Tag zu beginnen.

10.30 Uhr: Nach langweiliger Bahnfahrt ohne Facebook oder Youtube-Videos sitze ich wieder im Büro. Ich bin genervt, als ich das tote Gerät wieder neben mich auf den Schreibtisch lege. Vielleicht hatte der Kollege mit seiner Endorphin-Theorie doch recht.

11.59 Uhr: Gleich ist es endlich vorbei. Extrem schwierig war der Selbsttest zwar nicht, aber ich stelle fest, dass ich im Alltag wirklich sehr abhängig von meinem elektronischen Helfer bin. Deshalb bin ich froh, dass mein 24-Stunden-Experiment nun endet. Genüsslich zähle ich die letzten Sekunden herunter, bis ich das Handy wieder einschalte. Drei, zwei, eins: Hallo Welt, da bin ich wieder!

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