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Missbrauchsprozess in Mönchengladbach
Biker geben junger Frau Geleitschutz zum Gericht

Mönchengladbach: Biker vom Club "Baca" begleiten junge Frau zu Gericht
Umzingelt von schwarzen Lederjacken: Gemeinsam mit dem Mädchen und der Mutter laufen die Baca-Mitglieder vom Parkhaus zum Landgericht. Sie soll sich sicher fühlen, wenn sie ihre Zeugenaussage macht. FOTO: Jana Bauch
Mönchengladbach. Rund 20 Mitglieder des Motorradclubs Baca haben in Mönchengladbach eine junge Frau zum Landgericht begleitet. Die Biker haben es sich zur Aufgabe gemacht, Missbrauchsopfer zu schützen. Von Laura Harlos

In Lederjacke gehüllt gehen sie dicht gedrängt nebeneinander. Die rund 20 Männer und Frauen bilden eine Art Schutzmauer um die junge Frau. Ihr Gesicht ist auf dem Weg vom Parkhaus Richtung Landgericht nicht zu erkennen. Die 18-Jährige soll als Zeugin aussagen. Angeklagt ist der Großvater, der verdächtigt wird, seine Enkelin missbraucht zu haben.

Die Biker des Vereins Baca (Bikers against child abuse, übersetzt: Motorradfahrer gegen Kindesmissbrauch) wollen die Frau bei dem Gerichtstermin durch ihre Präsenz stärken. Sie soll keine Angst vor seiner Aussage haben, sich von niemandem eingeschüchtert fühlen. "Wir wollen Kindern, die Opfer von Missbrauch geworden sind, die Kraft geben, ohne Angst leben zu können", sagt "Snapshot", Baca-Pressesprecher für den Bereich Rhein-Ruhr. Nach außen hin bleiben die Biker anonym - zum Selbstschutz. Deswegen erhält jedes Mitglied einen "Roadname" (Straßennamen), der vorne auf die Kutte gestickt wird.

Auch Pressesprecher "Snapshot" gibt seinen richtigen Namen nicht preis. FOTO: Bauch Jana

In voller Biker-Montur begleitet Baca die 18-Jährige bis vor die Eingangstüren des Landgerichts. Dann verkleinert sich die Gruppe. Vier Mitglieder gehen mit in den Gerichtssaal zur Verhandlung - ohne Kutte und ausschließlich mit weißem Hemd als Oberteil. "Die Begleitung von Zeugen zu Gerichtsverhandlungen gehört zum Alltag der Gerichte und ist gerade bei potentiellen Missbrauchsopfern im Strafverfahren auch gesetzlich vorgesehen." sagt Fabian Novara, Sprecher des Landgerichts Mönchengladbach. "Die Begleitung darf allerdings nicht dazu missbraucht werden, den Angeklagten, andere Zeugen oder gar das Gericht einzuschüchtern." Die Sicherheit der Zeugen im Gerichtsgebäude sei zudem durch die Justiz gewährleistet. "Niemand muss unser Gerichtsgebäude mit einer Eskorte betreten, um sich sicher zu fühlen. Dafür sorgen unsere Justizwachtmeister", so Novara.

"Mit den Tätern haben wir nichts zu tun, Recht spricht das Gericht", verdeutlicht Biker Snapshot. "Unser Aussehen soll auch niemanden abschrecken, vielmehr soll man Respekt vor uns haben." Das Symbol von Baca ist eine geballte Faust. Dennoch betont der Verein, dass er weder eine Schlägertruppe sei, noch würde er sich in Strafprozesse einmischen.

Eine geballte Faust, die aber kein Symbol für Gewalt sein soll: das Baca-Logo. FOTO: Jana Bauch

Eine Kutte, zwei Paten

In Deutschland bildeten sich seit dem Start von Baca im Jahr 1995 neun Zweigstellen. So findet sich die Biker-Gruppe im nördlichen Quickborn in Schleswig-Holstein genauso wie in der bayerischen Landeshauptstadt München. Baca gibt an, mit lokalen und staatlichen Kinderschutzorganisationen zusammenzuarbeiten. Dennoch wird der Verein erst tätig, wenn Kind und Eltern auf die Biker zukommen.

Für die Aufnahme in den Verein hat Baca eigene Kriterien entwickelt: So kann ein Kind nur geschützt werden, wenn das Sorgerecht nicht beim mutmaßlichen Täter liegt. Zudem muss eine Anzeige vorliegen. "Sonst könnte ja jeder anrufen und eine Schutztruppe für ein Kind organisieren", sagt Snapshot.

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Ist ein Kind in den Kreis der Biker aufgenommen worden, bekommt es eine eigene Kutte und zwei Paten zugeteilt. Begleitet werden die Kinder nicht nur am Tag des Gerichtstermins, auch ein Schutz rund um die Uhr ist möglich. Nicht selten würden Angeklagte versuchen, vor der Verhandlung Einfluss auf das Kind zu nehmen. "Wir stehen dann mit zwei Mann schichtweise vor dem Haus", berichtet Snapshot. Auch habe er schon erlebt, dass der Anwalt des Angeklagten in der Verhandlungspause mit dem Kind reden wollte. "Wir stellen uns um das Kind herum. Das ist Passiver Widerstand." Als die junge Frau das Gericht nach sechs Stunden verlässt, wird es von den Bikern wieder empfangen. Dann geht es im Schutz der Kutten Richtung Parkhaus.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde das mutmaßliche Opfer als "Mädchen" bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Die junge Frau ist bereits 18 Jahre alt. Außerdem war die Verhandlung nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Text wurde an mehreren Stellen überarbeitet.

Quelle: RP