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Serie Denkanstoß
Mönchengladbach - bleib' sozial!

Serie Denkanstoß: Mönchengladbach - bleib' sozial!
FOTO: Jan Schnettler
Mönchengladbach. Das Foto mit dem toten Kind am Strand des Meeres - Bilder gehen um die Welt, die einem das Blut in den Adern erstarren lassen: Flüchtlingsströme werden getrieben wie Schlachtvieh! Nein, das ist nicht das Europa mit den christlichen und humanitären Wurzeln. Dieses Europa versucht mit allen Kräften, die Menschen, die auf der Flucht sind, von seinen Grenzen fernzuhalten! Von Edmund Erlemann

Da haben die Gladbacherinnen und Gladbacher eine andere Haltung: Am Abend, an dem der erste große Flüchtlingsstrom angekündigt war, standen etwa 400 Frauen, Männer und Kinder zum Willkommen in Bettrath mit Transparenten und Erfrischungen. Aber: Wo bleiben nun die Flüchtlinge in Mönchengladbach? Auch bei uns gab es keine Vorbereitungen auf die Ankunft einer so großen Menge von Menschen, die eine neue Heimat suchen (obwohl vielen schon vor Jahren klar war, dass die Menschen etwa aus Afrika eines Tages kommen würden, um sich bei den ehemaligen "Kolonialherren" das zu holen, was ihnen Jahrhunderte lang vorenthalten wurde).

Die Hilfsbereitschaft in unserer Stadt ist groß. Viele Bürgerinnen und Bürger sind freigiebig beim Spenden von Kleidungsstücken, Möbeln, Hausrat und Geld. Gladbacher Ordensleute wollen Einzelpersonen oder Familien, die unbenutzten Leerstand in ihren Häusern abgeben könnten, die Vermietung an Flüchtlinge anbieten. Ob jetzt die menschenunwürdigen Baracken im Luisental und an der Hardter Straße in Bockersend verschwinden?

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: RP

Mönchengladbach - bleib sozial! "Von jetzt auf gleich" kann unser Leben ganz anders sein. Ich habe das sehr schmerzlich im vergangenen Jahr erfahren, als ich "von jetzt auf gleich" gelähmt war und im Rollstuhl saß - ohne große Perspektiven für die Zukunft. Ich stelle mir vor, dass auch Menschen diese Erfahrung machen, die "von jetzt auf gleich" arbeitslos werden. Die Arbeitslosigkeit ist und bleibt eine große Wunde in unserer Gesellschaft. Und für jede Betroffene und jeden Betroffenen ist sie ein großes Unglück. Da ist jeder Helfer, jede Helferin kostbar. Ich habe das erfahren, als viele Menschen mir einen Brief geschrieben haben und mich viele in der Klinik in Bad Wildungen besucht haben. Jedes Bild, das mir Kinder geschickt haben, hat geholfen, dass ich mich aus dem Tief herauskrabbelte, in das mich die inkomplette Querschnittslähmung körperlich und seelisch "von jetzt auf gleich" gebracht hat. Danke!

Auch das Arbeitslosenzentrum an der Lüpertzender Straße mit seinen Besuchern gehört zu denen, die mir geholfen haben. Nun soll das Haus verschwinden und das Arbeitslosenzentrum bisher ohne Alternative verlegt werden. Da sage ich "Nein!". Denn das Arbeitslosenzentrum hilft Arbeitslosen konkret und wirksam, ihren Platz in der Gesellschaft wieder einzunehmen und hilft selbst "in aussichtslosen Fällen" kompetent und menschlich. Und es gehört in die Mitte unserer Stadt: "Der Rand ist die Mitte" (Bischof Klaus Hemmerle).

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In diesem Jahr feiert die Stadt Mönchengladbach gemeinsam mit dem "Volksverein Mönchengladbach" (seit 1983) den 125. Jahrestag der Gründung des Volksvereins für das Katholische Deutschland (1890 - 1933). Der wollte die "Kleinen groß machen". Damals waren die Arbeiterinnen und Arbeiter die Kleinen. Heute sind es die Arbeitslosen. Den historischen Volksverein feiern und gleichzeitig die Arbeitslosen aus der Mitte unserer Stadt entfernen: Das geht "überhaupt nicht", das passt nun gar nicht zusammen. Also bitte: Hände weg vom Arbeitslosenzentrum auf der Lüpertzender Straße.

Mönchengladbach - bleib sozial! Aus Havanna wurde berichtet, dass Straßenkinder, Bettler und Wohnungslose aus der Stadt entfernt werden sollten, damit Papa Francesco bei seinem Besuch auf Kuba vor dem Anblick des Elends "bewahrt" wird. Ich dachte da an Helmut. Er wurde als Baby in einer Mülltonne gefunden. Er ist nur 38 Jahre alt geworden. Seine Heimat war der Tagestreff an der Erzberger Straße. Er war ein wunderbarer Mensch. "Der Helmut verschenkt sein letztes Hemd", sagten seine Freundinnen und Freunde "von der Straße". Und Helmut sagte kurz vor seinem Tod: "Wir sind ja nicht ohne Grund abhängig von Drogen oder Alkohol. Man muss die elende Vergangenheit ab und zu betäuben."

Was ist was - Begriffe zum Thema Flüchtlingsunterkünfte

In den Ratsgremien unserer Stadt wird über eine neue "Straßen- und Anlagenverordnung" mit möglichen Maßnahmen gegen Tagesobdachlose, Bettler und Arme diskutiert: Mönchengladbach - bleib sozial!

EDMUND ERLEMANN IST EHEMALIGER REGIONALDEKAN UND MITGRÜNDER DES VOLKSVEREINS

Quelle: RP
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